In den vergangenen Tagen fiel auf, dass die auf 24 Teams vergrößerte EM unter anderem dazu führt, dass sich die großen Fußballnationen ein bisschen aufführen wie Cristiano Ronaldo nach dem portugiesischen Unentschieden gegen Island: Immer wieder sind unterschwellige Beschwerden über den Missstand zu vernehmen, dass man sich mit den Nationalmannschaften von Wales, Island oder der Slowakei bei so einem Turnier überhaupt messen muss. Und dass diese Mannschaften bisweilen auch noch gewinnen, was im Grunde die noch viel größere Unverschämtheit ist.

Die einzige Ausnahme ist vielleicht Frankreich: Der zweimalige Europameister musste sich als Gastgeber nicht qualifizieren und hat deshalb seit zwei Jahren nur Freundschaftsspiele bestritten, weshalb das Land jetzt jede Pflichtspielminute angeht, als sei schon Halbfinale. Den Auftaktsieg der Nationalmannschaft gegen Rumänien, der unter normalen Umständen als selbstverständlich vorausgesetzt worden wäre, haben die Franzosen in den Straßen so zügellos gefeiert, als wäre das Turnier damit entschieden.

Dabei waren nach dem Eröffnungsspiel eigentlich mehr Fragen offen als zuvor: Hat das Experiment mit Antoine Griezmann und Olivier Giroud im Sturm nun eigentlich geklappt? Beide hatten gute Szenen, aber wären sie ohne einander nicht vielleicht doch jeweils noch gefährlicher? Und was soll man nur mit den hochveranlagten 20-jährigen Flügelstürmern Anthony Martial und Kingsley Coman anfangen? Wenn Nationaltrainer Didier Deschamps beide spielen ließe, stünden zwei der talentiertesten Flügelspieler dieses Turniers auf dem Platz.

Allerdings müsste er sich dann wiederum entweder im Sturm zwischen Giroud und Griezmann entscheiden oder Dimitri Payet auf die Bank setzen, der der einzige Spieler in der französischen Offensive ist, der nicht mindestens als kommender Superstar firmiert, seit Neuestem aber mehr Tore schießt und Vorlagen gibt als alle anderen zusammen. Und schließlich ergab sich noch die Frage: Wann spielt Paul Pogba eigentlich mal wieder mit? Gegen Rumänien ist seine Trikotnummer zwar auf dem Platz gesichtet worden, der Spieler hat aber wahrscheinlich unterdessen verschiedene Werbeverträge in der Größenordnung von drei albanischen Bruttoinlandsprodukten ausgehandelt.

Bei Frankreichs zweitem Gruppenspiel gegen Albanien hatte Deschamps für seinen Mittelfeldregisseur deshalb nun einen unstrapaziösen Platz auf der Bank im Angebot. Aus dem 4-3-3 mit Pogba, Giroud und Griezmann wurde ein 4-2-3-1 mit Martial links, Coman rechts, Payet in der Mitte und Giroud als einzigem Stürmer. Gleich sieben Spieler aus der Premier League standen in dieser Konstellation für Frankreich auf dem Platz. Und das lief in der ersten Hälfte auch glänzend, zumindest für Pogba, der an allen Ecken und Enden fehlte.

Überraschend starkes Spiel der Albaner

Als die Aufstellungen verlesen wurden, konnte einem für die Albaner, die in verschiedenen zweiten oder zweitrangigen Ligen in den ländlicheren Regionen Europas ihr Geld verdienen, noch Angst und Bange werden. Was sollten sie gegen diese hochdekorierten französischen Champions-League-Topathleten bitte schön ausrichten können? In diesem Moment aber erklang die Marseillaise und in diesem schönen Lied geht es schließlich nicht zuletzt auch darum, dass Entmutigung vor dem Fall kommt.

Und dann, ja dann dauerte es nur bis zur 18. Minute, bis der französische Rechtsverteidiger Bacary Sagna zum ersten Mal den Fuß auf den Ball stellte und ratlos die Hände hob, weil es niemanden gab, den er anspielen konnte, was daran lag, dass die Albaner erstens so kompakt standen und dass zweitens Pässe auf die Bank auch dann nicht erlaubt sind, wenn Pogba da sitzt, wie Insider munkeln. Frankreich spielte in dieser Phase richtig mies: langsam, fahrig, häufige Fehlpässe. Die Equipe de France wirkte so uneingespielt, als könnte sie zwei weitere Jahre Freundschaftsspiel-Tournee gerade gut gebrauchen.

Als dann noch Olivier Giroud das Kunststück gelang, mit einer einzigen Bewegung Kingsley Coman wundzuschießen und gleichzeitig einen Freistoß zu verursachen und Anthony Martial außerdem ein Stoppfehler unterlief, für den er auch in der zweiten griechischen Liga zehn Liegestütze hätte machen müssen, sangen die Fans vor Fassungslosigkeit eilig zwei Mal die Marseillaise. Zur Halbzeit stand es nach Torchancen 3:0 für Albanien, Frankreich wurde mit Pfiffen in die Pause verabschiedet.

In der zweiten Hälfte baute Deschamps sein Team dann schrittweise wieder zu jener Mannschaft um, die gegen Rumänien auf dem Platz stand. Pogba kam für den wirkungslosen Martial ins Spiel, das Stadion sang erleichtert seinen Namen. Den Wink mit dem Zaunpfahl hatte er offensichtlich verstanden und legte mit seinem ersten Ballkontakt fast das 1:0 auf. Jetzt häuften sich die Chancen für Frankreich: Payet hauchte eine Außenristflanke auf den Kopf von Pogba, der nur knapp verfehlte. Ein Pass des besser werdenden Coman fand Giroud, der seinen Kopfball ebenfalls knapp neben das Tor setzte. Mittlerweile war auch Griezmann wieder im Spiel.

Last-Minute-Treffer von Griezmann

Als dann auch noch André-Pierre Gignac eingewechselt wurde, jubelten die Fans im Stade Vélodrome so ausgelassen, wie sie sonst eigentlich nur bei Ecken von Dimitri Payet jubelten. Dazu muss man wissen, dass Gignac in diesem Stadion für Olympique Marseille 59 Tore geschossen hat, bevor er 2015 nach Mexiko gewechselt ist. Und dass Payet in seiner letzten Saison vor seinem Wechsel zu West Ham United in diesem Stadion für Olympique Marseille die meisten Vorlagen der Ligue 1 gegeben hat. Und dass außerdem der französische Nationaltrainer Deschamps als Spieler Teil der bislang letzten französischen Mannschaft war, die die Champions League gewonnen hat, und dass diese Mannschaft Olympique Marseille hieß.

Das muss man alles wissen, weil einem sonst leicht entgeht, was für eine zärtliche Geste die Einwechslung von Gignac dieser Stadt gegenüber letztlich gewesen ist. Und warum das, was sich dann in den letzten fünf Minuten des Spiels ereignete, unmittelbar lange Autokorsos auf der Avenue du Prado zur Folge hatte, obwohl es sich genau genommen nur um ein Vorrundenspiel gegen Albanien handelte.

Erst kam also in der 90. Minute Griezmann vor dem albanischen Tor frei zum Kopfball und verwandelte den ersten französischen Schuss aufs Tor zum 1:0. Und weil Frankreich dieser Tage offenbar kein Spiel bestreiten kann, ohne dass Payet sich auf dem Spielberichtsbogen einträgt, traf der Réunnionais in der 95. Minute noch zum 2:0. Das französische Fußballmagazin So Foot hat kürzlich behauptet, das "Licht Frankreichs" gehe von Payets linkem Fuß aus und wahrscheinlich stimmt das auch, selbst wenn er in diesem Fall mit rechts getroffen hat. Das Spiel war aus, Frankreich war für das Achtelfinale qualifiziert und Marseille, nun, Marseille tanzte.