Ein Spiel und 86 Minuten hatte es gedauert, bis die kroatischen Fans ihre Drohung wahr machten. Vor der EM kündigten sie an, Spiele des eigenen Teams sabotieren zu wollen. Dass es ihnen egal ist, ob ihr Team führt oder nicht, zeigte das Spiel am Freitag gegen die Tschechen. Kroatien führte in Saint-Étienne mit 2:1, dann flogen ein Dutzend Bengalos und Böller aus der kroatischen Kurve auf den Rasen. Kroaten schlugen sich mit Kroaten. Der frühere Dortmunder Ivan Perišić ging in die Kurve, beruhigte und beschwichtigte. Doch es war zu spät. Die kroatische Mannschaft verspielte nach der Unterbrechung ihre Führung: 2:2. Es war der Höhepunkt eines Konflikts, der seit Jahren im kroatischen Fußball anschwillt. Organisierte Fans kämpfen gegen ihren eigenen Verband HNS. Morgen wird die Uefa den Fall verhandeln. Für den kroatischen Verband wird es ernst. Zünden von Feuerwerkskörpern, Werfen von Objekten, Zuschauerausschreitungen sowie rassistisches Verhalten legt die Uefa dem Verband zur Last.

Kroatien ist Wiederholungstäter

Wieso provozieren die eigenen Fans einen Spielabbruch? Eine einfache Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Viele kroatische Fans sind überzeugt, dass der HNS seit geraumer Zeit von gierigen Machthabern gekapert wurde. Der Vorwurf der Fans: Seitdem muss der Verband als Werkzeug für Vetternwirtschaft herhalten und als Instrument der persönlichen Bereicherung dienen. Die Kritik der Anhänger konzentriert sich vor allem auf Zdravko Mamić, den HNS-Vizepräsidenten und größten Strippenzieher des kroatischen Fußballs.

Viele sind der Auffassung, dass Mamić den Verband als privates Unternehmen führt. Den Verbandspräsidenten Davor Šuker und den Nationaltrainer Ante Čačić halten die meisten für von Mamić eingesetzte Marionetten. Šuker sitzt auch im Uefa-Exekutivkomitee. Zdravko Mamić und sein Bruder Zoran lenken seit Jahren auch Kroatiens erfolgreichsten Fußballclub Dinamo Zagreb. Ihre Geschäftsbilanz aus dieser Zeit ist beachtlich: Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Bestechung legt die nationale Behörde zur Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität Zdravko Mamić zur Last.

Er soll bei Spielerverkäufen wie dem Luka Modrić von Zagreb nach Tottenham kräftig mitverdient haben. Und Modrić war kein Einzelfall, auch bei Dejan Lovren soll es ähnlich abgelaufen sein. Luka Modrić und weitere Spieler sagten gegen ihn aus, Mamić saß 2015 deswegen zweimal in Untersuchungshaft, kam aber gegen eine Kaution frei. Sein Prozess beginnt im September. Wer fast ohne Einnahmen blieb: Dinamo Zagreb.

Die Fans toben seitdem und boykottieren die Heimspiele von Dinamo. Mamić reagierte mit schwarzen Listen, auf denen unliebsame Kritiker landeten und fortan nicht mehr ins Stadion durften. Viele Fans haben sich deshalb auch von ihrer Nationalmannschaft entfremdet. Man spürt das im Land. Die Zuschauerzahlen gehen zurück. Während die meisten Fans resignieren, haben verschiedene Ultra-Gruppierungen dem HNS den Krieg angesagt. Durch gezielte Provokationen vor den Augen der Weltöffentlichkeit soll der HNS diskreditiert werden. Die EM kam da gerade recht. Das Kalkül der Ultras: Nur so werden personelle Veränderungen im Verband erzwungen. 

Eine lange Liste kroatischer Ausschreitungen

Die Aktionen der Fans haben ein breites Spektrum:  Im November 2014 schmissen kroatische Anhänger beim EM-Qualifikationsspiel in Italien Pyrotechnik auf das Spielfeld. Faschistische und rassistische Gesänge hört man bei fast jedem Spiel. Kroatien musste deshalb das Rückspiel gegen Italien vor leeren Rängen austragen. Und wieder fanden die Fans einen Weg, ihren Verband zu diskreditieren: Unbekannte hatten mit Chemikalien ein überdimensionales Hakenkreuz in den Rasen geätzt. Obwohl vielen Mitglieder der organisierten Fanszene die ideologische Nähe zur faschistischen Ustaša-Ideologie nicht abzusprechen ist, kann man davon ausgehen, dass es sich beim Hakenkreuz vor allem um eine bewusste Wahl des universell wohl bekanntesten Symbols für das Böse handelte.

Die kroatischen Fans veranstalten aber nicht nur lauten Krawall. Auch weitaus weniger problematische Mittel kamen zum Einsatz, um den kroatischen Fußball von seinen Lenkern zu befreien. Das von Fußballfans mitinitiierte Sportgesetz, welches zu mehr Transparenz führen sollte, wird seit seinem Inkrafttreten vom HNS lasch bis gar nicht implementiert. Die Verzweiflung vieler Anhänger ist daher zumindest in Teilen verständlich.