Wie immer, wenn Jérôme Boateng zu reden anfängt, staunte man. Wie kann ein solch breitschultriger Riese mit solch sanfter Stimme sprechen? Boateng hatte sich auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Polen neben Joachim Löw gesetzt, wie das die Uefa für den Spieler vorsieht, der zum Man of the Match gewählt wurde. Boateng sprach wie üblich leise, doch die Aufmerksamkeit gehörte ihm. Sein Fazit: Defensive gut, Offensive schlecht. Seitdem reden alle über die Mängel im Sturm.

Boateng ist der beste deutsche Fußballer dieser EM. Bislang und bestimmt wird sich daran nichts ändern, man hat fast den Eindruck, allenfalls Manuel Neuer kann ihm diesen Rang noch streitig machen. Ohne die beiden wäre die deutsche Elf bereits jetzt in Gefahr, müsste selbst in dieser leichten Vorrundengruppe kämpfen, um unter die ersten drei zu kommen.

Wer so überragt, ist automatisch gefragt – vor dem deutschen Tor, aber auch außerhalb des Feldes. Boateng nimmt beide Rollen an. Er lenkt die Abwehr, bügelt Fehler der anderen aus, verteidigt manchmal für zwei. Aber auch im Team ergreift er das Wort, in Interviews und auf Pressekonferenzen untermauert er seinen Status als heimlicher Kapitän. Immer sehr bemüht, erwachsen zu klingen. Er möchte wohl auf keinen Fall mit seinem Bruder, dem ehemaligen Bad Guy Kevin-Prince, verwechselt werden.

Ästhetik des Verteidigens

An den Fähigkeiten des Abwehrchefs Boateng gibt es keinen Zweifel. Doch noch ist nicht raus, ob er sich auch zum Wortführer und Kopf der Mannschaft eignet.

Boatengs gleichsam gewaltige wie filigrane Athletik dürfte einzigartig im Weltfußball sein. Führt er Zweikämpfe, raunen die Zuschauer. Er ist schnell am Boden, wenn es sein muss, und schnell wieder oben. Als Robert Lewandowski allein auf das deutsche Tor zuzulaufen schien, ließ ihn Boatengs Grätsche wie einen Nachwuchsfußballer aussehen. Seine akrobatische Rettungstat gegen die Ukraine begründete eine Ästhetik des Verteidigens.

Boateng rennt allen davon, ob Gegnern oder Mitspielern. In manchen Kopfballduellen springt er so hoch, dass er sich in der Luft bücken muss, um den Ball zu erreichen, während irgendwo unter ihm der Stürmer zu ihm hochlugt. Wie kommt dieses Naturwunder zustande, wie macht er das? Ist Boateng auf einem unsichtbaren Laufband unterwegs? Ist der Boden, auf dem die anderen rennen, mit Honig bestrichen, der sie zu tapsigen Bären macht? Trägt Boateng Sprungfedern? Fiel er als Kind in einen Kessel Zaubertrank?

Bei allem Überschwang muss man anfügen, dass Boateng auch Fehler macht. Manchmal köpft er, vielleicht weil es ihm zu leicht fällt, Flugbälle zurück zum Gegner. So wie gegen die Ukraine, vor seiner längst berühmten Sprungeinlage ins Tornetz. In diesem Spiel hätte er auch fast einem Stürmer in die Füße gepasst, es fehlten nur Zentimeter. Und sein Spielaufbau ist nicht sehr gut, sondern bloß gut. Er hat mit Flugbällen schon Chancen und Tore vorbereitet. Sie fliegen aber ab und an zu weit, nicht erst bei dieser EM. Er hat wohl einfach zu viel Kraft.

Ein verlachtes Internetmeme

Aber das sind Kleinigkeiten, die auch wegen seiner Übersicht und seines Verantwortungsbewusstseins nicht ins Gewicht fallen. Er schließt die Lücken der anderen. Gegen Polen sah man ihn, den rechten Innenverteidiger, oft nach links schieben, um Mats Hummels und Jonas Hector zu unterstützen. Das erinnerte an das WM-Finale von Rio. Da war Boateng das Stoppschild für Lionel Messi.

Messi revanchierte sich ein Jahr später und machte im Champions-League-Halbfinale Boateng zum verlachten Internetmeme. Er fiel allein durch Messis Körpertäuschung hin. Das sah lustig aus. Lächerlich konnten das aber nur diejenigen finden, die nicht wissen, was es bedeutet, Messi im vollen Tempo allein und rückwärts laufend zu verteidigen. Selbst diese Szene sprach für Boateng: Er geht dorthin, wo man nass gemacht wird. Einer muss es ja tun. Höchste Verteidigertugend.

Ein übersehener Skandal

Diese Entwicklung hätten ihm vor ein paar Jahren nicht viele zugetraut. Boateng unterliefen regelmäßig Fehler. Er trat über den Ball, verursachte Elfmeter, machte die eine oder andere starke Leistung zunichte. Die Fehler hat ihm Pep Guardiola ausgetrieben, auch hat er ihn Taktik gelehrt. Das ist die Einschätzung von Experten, die Boateng seit Jahren beobachten. "Er ist der erste Trainer, der mir taktische Dinge beigebracht hat, die ich vorher nicht kannte." Das sagte Boateng vor zwei Jahren selbst über Guardiola.

Diese Aussage war ein übersehener Fußballskandal, denn Boateng hat unter Trainergrößen wie Heynckes, Mancini und Labbadia trainiert, auch unter einem gewissen Joachim Löw. Erstaunlich, dass die Bild-Zeitung daraus keine Titelgeschichten bastelte. Vielleicht weil sie hätte eingestehen müssen, dass Guardiola nicht nur seinen Teil zum WM-Titel 2014 beigetragen hat, sondern auch zu den bisherigen vier EM-Punkten.

Die Anekdote steht auch in Herr Guardiola, dem Buch über das erste Bayern-Jahr des Spaniers. Dort heißt es: "Boateng ist Autodidakt. Der junge deutsche Abwehrspieler hat Guardiola erzählt, dass ihm nie jemand beigebracht hat, wie man verteidigen muss. Boateng gesteht ihm, er habe nicht gewusst, dass man eine Abwehrkette organisieren kann; er habe ganz einfach geglaubt, die Kunst des Verteidigens sei angeboren." Ein Zitat, das einiges über den deutschen Fußball aussagt, aber auch über Boateng.