24 Mannschaften treten bei der Fußball-Europameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. 

"Aber nur ohne Ton", schnauzt Konstantin, "ich mache die Musik nicht aus, nur weil du weiter Fußball schauen willst!" Loyalität ist heutzutage rar gesät, im Profifußball wie im Profifußballgucken. Früher war das etwas ganz Besonderes, die Beziehung zwischen Stammlokalbetreibern und Stammgast. Damals hätte man auf Wunsch bereitwillig auch noch das obskurste Spiel der mongolischen zweiten Liga eingeschaltet, das entscheidende Spiel einer EM-Gruppe sowieso.

Obwohl, ein bisschen kann ich Konstantins ruppige Antwort auf meine Frage verstehen. Er arbeitet schließlich nicht in einer urigen Eckkneipe, die das Budget lieber ins Sky-Abo investiert als in Toilettendeckel. Er arbeitet in einer hippen Bar in Berlin-Prenzlauer Berg. Und ich bin offenbar der einzige, den das Spiel zwischen Kroatien und Spanien tangiert.

Als Konstantin den Beamer, den er nach dem Deutschlandspiel ausgeschaltet hat, wieder in Betrieb nimmt, stoppt im ganzen Lokal die Musik. Die Augen der Gäste sind auf uns gerichtet, besonders eine junge Dame mit violettem Lippenstift und Nasenring starrt, als hätte ich ihre geliebten Depeche Mode höchstpersönlich von der Bühne getreten. Es ist nicht das erste Mal, dass ich in relativ kurzer Zeit den Zorn einer ganzen Bar auf mich ziehe. Normalerweise fliegen vorher wenigstens Flaschen.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Die Stimmung löst sich, als die Musik wieder einsetzt. Entspannung ist aber fehl am Platz. Die kroatische Euphorie nach dem Auftaktspiel gegen die Türkei ist seit der Begegnung gegen Tschechien futsch. Schuld sind Pyrotechnik, zwei späte Gegentreffer und die allzu menschliche Verletzbarkeit des sonst so übermenschlich wirkenden Luka Modrić. Was zuerst nach Leistenproblemen aussah, entpuppte sich als muskuläres Problem. Das Ergebnis ist das Gleiche: Gegen den amtierenden Europameister muss Kroatien ohne seinen Talisman antreten. Stürmer Mario Mandžukić sitzt ebenfalls auf der Bank, als Vorsichtsmaßnahme. Die Spanier feuern dagegen aus allen Zylindern, haben erst Tschechien, dann die Türkei geschlagen.

Es dauert nicht lange, bis sich die Formkurve beider Mannschaften auf dem Platz abzeichnet. Zum Anpfiff schallt aus den Boxen der Bar Purple Rain von Prince. Noch bevor der Song zu Ende ist, führt Spanien mit 1:0. David Silva war in der sechsten Minute am Strafraumrand von rechts nach innen gezogen und hatte den Ball zu Cesc Fàbregas durchgesteckt, der ihn per Innenrist über Torhüter Danijel Subašić in Richtung Tor beförderte. Der von links hereineilende Morata musste nur noch den Fuß ausstrecken, dramatisch unterlegt von Prince' schmerzvoll jaulender Gitarre. Darüber, worum es in dem Text von Purple Rain eigentlich geht, ragen sich verschiedene Mythen und Legenden. Angeblich habe Prince höchstpersönlich einmal erklärt, dass der Song vom Ende der Welt handelt und davon, es gemeinsam mit seinen Liebenden durchzustehen. Die Kroaten gehen einen Schritt weiter.