Es sieht ja immer so leicht aus. Als verscheuche er nur eben eine Fliege. Am Ende fliegt der Ball aber mit einem Affenzahn genau in die Ecke des Platzes, in der er ihn gerne haben will. Unterschnitten oder überrissen, gerade durchgezogen oder als Stopp. Roger Federer produziert noch immer Schläge, die oft so wirken, als machte die Physik für ihn gerne mal eine Ausnahme. Als hätten die motorischen Begrenzungen des menschlichen Körpers für ihn nur bedingte Gültigkeit.

Es ist Montagabend und der 34-jährige Schweizer absolviert sein erstes öffentliches Training beim Turnier am Stuttgarter Weissenhof. Es braucht keine drei Ballwechsel, da wissen alle Zuschauer auf dem Centercourt, was dem Tennis in den letzten Wochen gefehlt hat: Es war er.

"Wie Paris ohne Eiffelturm", schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, als Federer aus gesundheitlichen Gründen die French Open abgesagt hatte. Und die Süddeutsche Zeitung erinnerte zu Recht sentimental: "In dem Jahr, als zuletzt ein großes Turnier ohne ihn gespielt wurde, organisierte die Bundesregierung gerade einen Umzug von Bonn nach Berlin, den Euro gab es nur als Buchgeld und noch nicht als Bargeld, und Deutschlands Tennishoffnung Alexander Zverev war vier Jahre von seiner Einschulung entfernt." Es war im August 1999, als der 18-jährige Federer in der zweiten Runde der US-Open-Qualifikation gegen einen Nobody verlor. Seitdem war er immer dabei.

Selbst Schriftsteller sind seinem Spiel verfallen

Nun also Stuttgart. An den Centercourt strömen zum Federer-Training am Abend mehr Tennisfans als zu den meisten Spielen davor. Die Zuschauer hier wollen keinen Nervenkitzel eines engen Spielstandes durchleiden oder einen Landsmann anfeuern. Sie wiegen sich stattdessen in der Freude des Zuschauens und des Staunens über einen großen Sportler; ähnlich wie man in ein Konzert geht, um den überirdischen Geist Bachs oder Beethovens zu erfahren.

Der Schriftsteller David Foster Wallace hat Federers Spiel in einem Text für die New York Times einmal "eine religiöse Erfahrung" genannt. Auch an diesem Stuttgarter Abend scheinen sich die Schönheit seiner Schläge und die Eleganz seiner Bewegungen auf den eigenen Geist zu übertragen. Wenn Federer spielt, wirkt das Gras auf den Plätzen noch saftiger, die Abendsonne noch goldener und die Schlägerbesaitung produziert so süße Melodien, als streife der Ball eine Harfe. Man erkennt den Charakter dieses Spiels, wenn Federer nach einem Fehler erst aufstöhnt und dann alle mit seinem breiten Grinsen daran erinnert, dass das hier alles groß und wunderbar ist.