Gleich mehrmals kam Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, während seines Auftritts vor der internationalen Presse aus dem Takt. Dabei hatte er eine einzigartige Botschaft: Russlands Leichtathleten müssen bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro zusehen, weil ihnen staatlich gestütztes Systemdoping attestiert werden kann. "Wir haben", so interpretierte Coe den Entscheid des IAAF-Vorstands, "ein sehr klares Signal an Athleten und Öffentlichkeit gesendet, dass wir gewillt sind, unseren Sport zu reformieren."

Als die Fragen dazu konkreter wurden, verwies der Coe lieber an Rune Andersen. Der Norweger hat die Taskforce geleitet, die für die IAAF prüfte, ob der russische Verband tatsächlich Reformen umgesetzt hat. Von ihm war die schärfste Kritik zu hören. Das Sportministerium in Moskau sei weit davon entfernt, Anti-Doping-Bemühungen zu unterstützen: "Tatsächlich hat es systematisches Doping orchestriert." Auch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau 2013, das war neu, ging es demnach so zu wie bei den Winterspielen in Sotschi, wo mithilfe des Geheimdienstes positive Proben vertuscht worden sein sollen.

Der Tenor des 16-seitigen Andersen-Berichts lautet: Den Russen kann man nicht trauen – nicht viel mehr als im November, als die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eine "tiefwurzelnde Kultur des Betrugs" feststellte und die IAAF die Russen sperrte.

Allerdings öffnete die IAAF nun eine Hintertür. Athleten, die sich zuletzt einem "effektiven Anti-Doping-Programm" außerhalb des russischen Systems unterzogen haben, dürfen sich um Zulassung für Rio bewerben und unter neutraler Flagge antreten. Wie viele Athleten das betrifft? Wann Tests glaubwürdig sind? Coe übergab wieder an Andersen. Die Tür stehe "wirklich nur einen winzigen Spalt offen, vielleicht für drei oder vier Athleten".

Dass dazu nach dem Willen der IAAF die Whistleblowerin Julia Stepanowa gehören soll, die wegen ihres Einsatzes in Russland als Vaterlandsverräterin gilt, war die zweifelsfrei gute Nachricht des Tages. Die eine, die nicht zu erwarten war.

Russland hofft auf rettenden Deal mit dem IOC

Ansonsten war die Veranstaltung eher die alternativlose Vorwärtsverteidigung eines Verbandes, der mitten im Desaster steckt. Anfang der Woche erst deckte die BBC auf, dass Sebastian Coe schon vor Bekanntwerden des russischen Skandals Informationen dazu erhielt, wie sein Vorgänger Lamine Diack gegen Geld auffällige Blutwerte einiger Athleten verschwinden ließ. Dass er die "nicht gelesen" habe, wiederholte Coe auch gestern. Den Ahnungslosen gab Coe auch, als es darum ging, dass Diacks Sohn – schon mit Haftbefehl von Interpol gesucht – ihm bei der Wahl an die IAAF-Spitze geholfen haben soll.

Es ist fraglich, ob die Sperre gegen die Russen wirklich eine "starke Botschaft" für den reinen Sport der Zukunft war. Zumal einiges darauf hindeutet, dass sie bald aufgeweicht werden könnte – womöglich im Zusammenspiel zwischen Coe und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). "Wer startberechtigt ist und wer nicht", sagte Coe, "entscheidet die IAAF." Das weiß er besser: Das Hausrecht der Spiele besitzt formal Thomas Bach, der IOC-Präsident, mit bekannt gutem Draht in den Kreml. Vom Weltwirtschaftsforum in St. Petersburg schickte Wladimir Putin schon eine erste Stellungnahme: Man solle nicht versuchen, eine antirussische Politik zu betreiben; es werde sich schon "eine Lösung finden". Das russische IOC-Mitglied Alexander Popow sprach von einer "hohen Wahrscheinlichkeit", dass "die IAAF-Entscheidung zu unseren Gunsten geändert wird".

Bach hat für kommenden Dienstag zum Gipfel geladen, um, wie es heißt, das Vorgehen der Weltverbände "zu harmonisieren". Dabei gehe es "um die schwierige Entscheidung zwischen kollektiver Verantwortung und individueller Gerechtigkeit". Der Deal, an dem angeblich gearbeitet wird: Wer bislang nicht erwischt wurde und sich vor den Spielen weiteren Tests unterzieht, darf in Rio starten. Die Begründung, saubere Athleten könnten nicht in Kollektivhaft genommen werden, tragen die Russen derzeit auf allen Kanälen vor. Der IAAF und ihrem unter Druck geratenen Boss würde das ermöglichen, sich hinter dem Beschluss des IOC zu verstecken. Ob es so kommt, ist offen.

Sperre gegen Russland lenkt von anderen Problemen ab

Bach würde damit Putin zuliebe viel riskieren: Proteste von Athleten, die weltweit den Ausschluss des russischen Teams begrüßt haben. Er würde auch den Hinweis der Wada ignorieren, wonach zuletzt 736 Dopingtests in Russland scheiterten, da externe Kontrolleure stark behindert worden waren. Überdies würde ein solcher Gnadenakt arg mit einer historisch gut belegten Tatsache kollidieren: Wo Doping staatlich verordnet ist, sind saubere Sportler schwer zu finden.

Der Bann gegen die Russen hat für die Funktionärsfamilie durchaus einen Vorteil – er verstellt den Blick auf andere Probleme des Olympia-Spektakels. So verzichten die Olympia-Chefs nach wie vor darauf, Weltverbände zu sanktionieren, die kaum oder gar keine Trainingskontrollen durchführen. Und nicht nur die Russen verstoßen gegen den Wada-Code, selbst wenn anderswo Staatsdoping nicht nachgewiesen ist. Wiederum andere, die Deutschen ganz vorn, glänzen mit einer scheinaktiven Nationalen Doping-Agentur (Nada), deren Trefferquote sich bei null Prozent hält. Und die Wada mit dem IOC-Vize Craig Reedie an der Spitze? Gehört reformiert oder abgeschafft. Sie verpfiff noch im Jahr 2012, wie jetzt die New York Times enthüllte, eine russische Diskuswerferin, die Informationen über das Betrugssystem in ihrem Verband liefern wollte.

Angesichts dieser Realität illustrierte keiner besser als Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes, wie scheinheilig die Funktionäre den Bann gegen Russland dafür nutzen, das kaputte größere Netzwerk anzupreisen: "Das ist ein wichtiger Schritt, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen", sagte der Deutsche. Den letzten Schritt nannte er auch: Alle Athleten müssten sich "dem Wada-System unterwerfen".