Tränen laufen über das Gesicht von Darijo Srna. Er versucht sie wegzuwischen, kneift sich in den Nasenrücken – zu spät. Die Kamera ist schneller. Dabei hat das Spiel noch gar nicht angefangen. Es ist die obligatorische Kamerafahrt über die Gesichter der Spieler während der Nationalhymnen, die den emotionalen Moment einfängt. Bevor der postpubertäre Selbstschutzmechanismus anschlägt, der verklemmte Softies wie mich in unserer turboironischen Leistungsgesellschaft bei jeglichem Anzeichen von menschlicher Verletzlichkeit zwanghaft zu Spott animiert, macht mir ZDF-Kommentator Martin Schneider einen Strich durch die Rechnung: Es sind die Gedanken an seinen erst vergangene Woche verstorbenen Vater, die die professionelle Fassade einreißen. Mist, Empathie macht sich in mir breit. Wie ich später nachlese, hat Junior am Donnerstag bei einer Pressekonferenz gesagt, dass es der letzte Wunsch seines Vaters war, dass er gegen Tschechien aufläuft.

Was Srna vor dem Anpfiff noch nicht weiß: Auch der restliche Fußballabend ist zum Heulen, besonders für die Kroaten. Dabei hatte sich im Spiel gegen die Türkei Großes angekündigt. Srna und seine Mannschaftskollegen ließen sich in ihrem ersten Spiel von der Türkei nicht unterkriegen. Dabei hatten die Türken alles Erlaubte und Unerlaubte versucht, um ihren technisch überlegenen Gegner weichzuklopfen. Der Innenverteidiger Vedran Ćorluka verlor dank eines wuchtigen Ellenbogens des türkischen Stürmers Cenk Tosun zu Beginn des Spiels einen Eimer Blut. Dass ihm die kroatischen Mannschaftsärzte eine Menge Klammern in den Schädel tackerten, mit der das durchschnittliche Großraumbüro seinen Wochenbedarf decken könnte, änderte auch nichts daran. Ćorluka war das höchstens lästig. Zum (Herz-)Blut kam spielerische Klasse. Luka Modrić hämmerte den Ball zum Siegtreffer ins Tor. Elf geschundene, teils blutüberströmte Männer fielen sich dank der Magie ihres überlebensgroßen Anführers nach gewonnener Schlacht in die Arme. Game of Thrones im Stadion.

Messi trifft

Die Tschechen haben sich in ihrem EM-Debüt hingegen nicht gerade bekleckert, weder mit Blut noch mit Ruhm. So kommt es erst einmal, wie es kommen musste: In der ersten Stunde spielt Kroatien quasi alleine. Wie schon gegen Spanien stellen sich die Tschechen hinten rein. Allerdings lassen sie dem kroatischen Mittelfeld um Modrić zu viel Platz. Im Gegensatz zu den passwütigen Spaniern spielen die Kroaten direkter. Kurz vor der Pause stibitzt Milan Badelj seinem Gegenspieler den Ball und leitet ihn sofort an Ivan Perišić weiter. Der macht, was er am besten kann. Er sprintet in den Strafraum, lässt Tomáš Sivok mit einigen Übersteigern so alt aussehen, wie er ist (32), und schlenzt den Ball an Petr Čech vorbei ins lange Eck. In der zweiten Halbzeit spielen sich ähnliche Szenen ab. Ivan Rakitić erhöht auf 2:0, wieder nach Ballverlust der Tschechen. Nach einem Pass von Brozović läuft Rakitić geradewegs auf den aus dem Tor eilenden Čech zu. Erst im letzten Moment chippt er den Ball lässig über den sich auf ihn stürzenden Keeper. Kommt Ihnen bekannt vor? Ganz recht. Messi ist so gut, dass er nicht mal spielen muss, um Tore zu schießen, in Turnieren am anderen Ende der Welt.

Dann plötzlich Aufregung. Aufregung der beunruhigenden Art. Nach einer guten Stunde stehen fast alle kroatischen Feldspieler im Kreis und gucken wie Bambi nach dem Schuss. Jemand liegt in der Mitte. Wieder ist es Martin Schneider, der aufklärt. Luka Modrić scheint sich im Zweikampf verletzt zu haben. Er steht schenell wieder auf, aber signalisiert seinem Trainer, dass er ausgewechselt werden möchte. Modrić greift sich in den Schritt. Was in der deutschen Coachingzone zum viralen Gag taugt, sorgt im kroatischen Team zwischenzeitlich für Panik – Verdacht auf Leistenprobleme.