Herbert Horst, genannt Herby, ist seit Wochen ein gefragter Mann. Als Tennis-Verbandstrainer in Schleswig-Holstein war ihm Angelique Kerber damals als einem der ersten aufgefallen. Die Zehnjährige spielte bei den Landesmeisterschaften der U12 im Kieler Stadtteil Wellsee. Ein blondes, kräftiges Mädchen mit Dickkopf, ein bisschen launisch vielleicht. Manchmal spielte sie genial, dann auch wieder nicht. Aber Horst sah das Talent in ihr, diesen Instinkt, mit dem Kerber schon so jung auf dem Tennisplatz agierte. "Angie hat von vornherein vieles aus dem Gefühl heraus richtig gemacht", sagt er, "sie wusste schon, wann sie schnell und wann sie langsam spielen musste. Sie hatte etwas Besonderes."

Kerber hat im Januar bei den Australian Open ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen. Jetzt steht sie auch noch im Wimbledonfinale. Das bedeutet, dass Horst viele Anekdoten von damals erzählen muss. Besonders jene aus der Zeit, als er sie auf der Jugendturniertour begleitete. Kerber war 14 Jahre alt und machte einen Lehrgang beim Deutschen Tennisbund. Dort war man von ihr allerdings wenig begeistert und befand sie für nicht förderungswürdig. Die Begründung: Es mangele Kerber an Athletik und Fitness. Das erzählt sich heute natürlich umso schöner, da es bei den Australian Open genau diese Tugenden waren, die Kerber zu ihrem großen Triumph über die Weltranglistenerste Serena Williams verhalfen.

Kein Glückstreffer

Und so hatte sie es, die nun wieder Weltranglistenzweite, auch in diesen Tagen auf dem heiligen Rasen von Wimbledon ohne Satzverlust bis ins Endspiel geschafft. Mit ihren immensen Konterqualitäten rang Kerber im Halbfinale Serenas ältere Schwester Venus Williams nieder. Aus dem etwas pausbäckigen Mädchen ist inzwischen eine der fittesten Spielerinnen und härtesten Arbeiterinnen der Frauen-Tour geworden. Und mit ihrem furiosen Lauf im altehrwürdigen All England Club hat Kerber bewiesen, dass ihr Coup in Melbourne kein einmaliger Glückstreffer gewesen ist. "Ich weiß jetzt, dass ich das Spiel habe, um die großen Turniere zu gewinnen", sagt sie, "und ich habe auf jeden Fall das Potenzial dazu, die Nummer eins zu werden."

Kann sich Tennis-Deutschland also auf eine neue Steffi Graf freuen? Schließlich schaffte Kerber in Melbourne den ersten deutschen Grand-Slam-Triumph seit Graf im Jahr 1999. Und sie könnte nun 20 Jahre nach ihr die nächste Wimbledonsiegerin werden, wenn sie Serena Williams am Samstag erneut bezwingt. Doch das Grafsche Erbe ist eine schwere Bürde. Das weiß sogar Williams, die nun schon dreimal daran scheiterte, Grafs Rekord von 22 Grand-Slam-Siegen zu egalisieren. Auch die 377 Wochen, in denen Graf die Weltrangliste anführte, vermochte noch keine Spielerin zu überbieten. Steffi Graf galt als Wunderkind. Als sie 1987 ihren ersten Major-Titel bei den French Open gewann, war sie erst 18 Jahre alt. Kerber ist 28 Jahre alt, sie brauchte länger für ihren großen Durchbruch. "Mich mit Steffi zu vergleichen, geht gar nicht", sagt sie, "sie hat alles gewonnen, was man gewinnen kann. Sie war mein Vorbild und das ist sie immer noch, aber ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen."

Sie müht sich, etwas offener zu sein

Umso befreiender war der Sieg in Australien für Kerber gewesen. Das war ihr großer Moment. Endlich stand mal sie im Rampenlicht und nicht immer bloß die Anderen. Doch auf den Rummel danach war sie nicht richtig vorbereitet. Kerber wirkte völlig überfordert mit ihrer neuen Rolle als Grand-Slam-Champion, die Ergebnisse stimmten danach lange nicht. Die French Open Ende Mai wurden zum Debakel, Kerber schied in Runde eins aus. Der Aufschlag war hart für sie. "Ja, Paris ist richtig in die Hose gegangen", sagt sie, "da habe ich mich selbst viel zu sehr unter Druck gesetzt, es war alles zu viel für mich. Auf und neben dem Platz."

Kerber brauchte Zeit, um ihren Coup und alle seine Nebenwirkungen wirklich zu verarbeiten. In Wimbledon wirkt sie nun wieder freier, und Rasen ist ihr ohnehin viel lieber als rote Asche. Auch im Umgang mit den Medien bemüht sie sich, etwas offener zu sein, obwohl das der eher introvertierten Norddeutschen mit den polnischen Wurzeln gar nicht so leicht fällt. Eine eloquente Plaudertasche wie ihre Freundin Andrea Petković ist sie einfach nicht. "Ich will jeden Tag mein Bestes geben." Das sind Sätze, die sie gerne sagt. Sie machen unangreifbar, mit solchen leeren Aussagen kann sie nichts falsch machen. Und davor sorgt sie sich immer ein bisschen.

Die stets freundlichen Floskeln geben ihr Sicherheit, aber so bekam Kerber mit der Zeit das Etikett "nett, aber langweilig" angeheftet. Vielleicht mit ein Grund, warum sie nach Melbourne keinen weiteren Sponsor für sich gewinnen konnte. Dabei müsste sie eigentlich längst von jeder Müslipackung strahlen. Sie ist seit einem Jahr Markenbotschafterin eines Sportwagenherstellers, das wars. Der Deal soll sehr gut dotiert sein und ist vermutlich durch die Verbindungen von Bundestrainerin Barbara Rittner entstanden, die damals das Sponsoring für die deutsche Fed-Cup-Mannschaft initiierte. Angebote habe es nach Melbourne einige gegeben, heißt es aus Kerbers Management. Doch man sei nur an Premium-Partnern interessiert. Man mag sich fragen, ob Kerber immer gut beraten ist.