Die Ermittler der Weltantidopingagentur Wada werfen Russland staatlich gesteuertes Doping vor. Die Beweise dafür hat der leitende kanadische Anwalt Richard McLaren in seinem 97-seitigen Untersuchungsbericht vorgelegt. Ihm zufolge sind die Belege "zahlreich und gravierend", Tausende Daten und Dokumente seien ausgewertet, gelöschte Dateien wiederhergestellt worden.

Zentraler Akteur des Staatsdopings ist laut des McLaren-Reports das russische Sportministerium, das Manipulationen im Moskauer Dopinglabor "geleitet, kontrolliert und überwacht" hat. Zwischen 2012 und 2015 seien 643 positive Dopingproben verschwunden, um gedopte russische Athleten in rund 30 Sportarten zu schützen. Betroffen seien neben den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 auch die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau und die Schwimm-WM 2015 in Kasan. An den massiven Betrügereien hätten sich zudem der russische Inlandsgeheimdienst FSB und das Trainingszentrum der russischen Topathleten, CSP, beteiligt.

Als Konsequenz fordert die Weltantidopingagentur nun den Ausschluss Russlands von den Olympischen Sommerspielen in drei Wochen in Rio de Janeiro. "Die Wada ruft die Sportbewegung auf, den russischen Sportlern die Teilnahme an internationalen Sportereignissen inklusive Rio zu verwehren", twitterte der Sprecher der Agentur, Ben Nichols. Dies müsse so lange gelten, "bis sich ein Kulturwandel vollzogen hat". Zuvor hatte er über den McLaren-Report getwittert, dieser zeige einen "vorsätzlichen und beunruhigenden Missbrauch von Macht, den man so in der Welt des Sports noch nicht gesehen hat".

Schmuggel durch ein Loch in der Wand

Die Ermittlungen stützen sich vor allem auf die Aussagen von Grigori Rodschenkow, dem früheren Leiter des Antidopinglabors in Sotschi. Er diente der Wada als Kronzeuge, nachdem er nach seiner Flucht in die USA bereits in einem Interview mit der New York Times über die Praktiken während der Olympischen Winterspiele in Sotschi berichtet und sich selbst als Vater des staatlichen, systematischen Dopingprogramms bezeichnet hatte. Er selbst, so Rodschenkow, habe zahlreichen Sportlern verbotene Substanzen, gemischt mit Alkohol, verabreicht. Unter den betroffenen Athleten seien mindestens 15 Medaillengewinner, vor allem Skilangläufer.

Wie Rodschenkow der Zeitung berichtet hatte, habe er sich in den Monaten vor Olympia mindestens wöchentlich mit einem Vertreter des Ministeriums getroffen. Zu dieser Zeit seien dann Urinproben von den Athleten genommen worden – bevor sie mit dem Doping begonnen hatten. Während der Spiele dann habe er jeden Abend vom Sportministerium eine Liste mit Sportlern erhalten, deren Dopingproben ausgetauscht werden müssten. In Nacht-und-Nebel-Aktionen hätten die russischen Antidopingkontrolleure und Geheimdienstmitarbeiter die Urinproben der Athleten gegen die sauberen Proben ausgetauscht – durch ein Loch in einer Wand des Labors. So sei kein einziger russischer Athlet überführt worden.

Role-Model russische Leichtathletik

Für Russlands Sportminister Witali Mutko waren Rodschenkows Äußerungen eine "Fortführung der böswilligen Angriffe auf den russischen Sport". Für die Weltantidopingagentur dagegen der Anlass, den Juristen McLaren im Mai mit der Untersuchung der Vorwürfe zu beauftragen. Sein Bericht gilt nun als Grundlage für weitere Diskussionen über einen eventuellen Komplettausschluss der Russen von den Olympischen Sommerspielen in Brasilien im August. Eine entsprechende Sanktionsempfehlung gab der Wada-Chefermittler bei seinem Auftritt an diesem Montag in Toronto indes nicht ab.