Wären wir in einem Stadion, würden nun Jubelgesänge zu lauten Chören anschwellen. Wie im Juni in Lille, als Bastian Schweinsteiger gegen die Ukraine kurz vor Schluss eingewechselt wurde und gleich ein Tor schoss. Sein langer Freudenlauf zeigte, was ihn ausmacht: Er spielt leidenschaftlich gern Fußball, für ihn ist es mehr als ein Beruf. Auf dem Platz strahlt er stets die Lust aus, gewinnen zu wollen, am besten gegen die Großen. Mit der deutschen Nationalmannschaft und Bayern München gelang ihm das sehr oft. Kaum einen Titel hat er ausgelassen.

An diesem Freitag hat Schweinsteiger seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Es geht einer der beliebtesten Fußballer Deutschlands, bekannt in der ganzen Welt. Sie kennt seinen Namen, auch wenn er für die meisten Menschen schwer auszusprechen ist. Heute applaudieren selbst viele seiner Verächter, die man als Bayern-Profi automatisch hat und die längst milder auf ihn schauen als früher.

Schweinsteiger wird deswegen so verehrt, weil mit ihm der Aufschwung, das Comeback des deutschen Fußballs begann. Sein erstes Länderspiel bestritt er 2004, kurz bevor die Nationalelf sieg- und trostlos in der EM-Vorrunde ausschied. Ein Tiefpunkt, dem das Sommermärchen und viele weitere schöne Erlebnisse folgten. Immer war Schweinsteiger dabei, auch zehn Jahre später, als Deutschland erstmals seit einem Vierteljahrhundert wieder Weltmeister wurde.

Lahm wurde diese Liebe nie zuteil

Schweinsteiger ist aber auch deswegen der "Fußballgott", wie die Fans ihn rufen, weil sie sich in ihm wiedererkennen können. In all seinen Stärken und all seinen Schwächen. Philipp Lahm, dem besseren Fußballer, ist diese Liebe nie zuteil geworden.

Der deutsche Fußball reifte in diesen zehn Jahren so wie Schweinsteiger reifte. Das konnte man sogar an seinem Gesicht ablesen. Aus dem picklig pausbäckigen Flügelstürmer Schweini, der mit Poldi Streiche spielte und seiner Cousine baden ging, wurde der hagere Stratege. 2010 führte Schweinsteiger die junge Elf zu Kantersiegen gegen England und Argentinien, endlich konnte Deutschland wieder große Gegner schlagen.

Vier Jahre später erlebten er und der deutsche Fußball den Höhepunkt. Er war nicht der entscheidende Spieler, aber der Held des Endspiels von Rio. In seinen grauen Schläfen steckte die Autorität des Teams, seine Gesichtszüge in der Verlängerung glichen einer antiken Statue. Aus dem Blut, das aus den Wunden seiner Stirn auf den Boden tropfte, erwuchs ein goldener Pokal.

Hätte ja klappen können

Vielleicht hätte Schweinsteiger damals zurücktreten sollen. Aber kann man es ihm verübeln, dass er es trotz weiteren vielen Verletzungspausen noch mal wissen wollte? Dass er den letzten Titel anstrebte, den er noch nicht gewonnen hatte? Und es hätte ja klappen können. Im EM-Halbfinale von Marseille, endlich einsatzfähig, dirigierte er lange das Spiel um die verdutzten Franzosen herum. Vieles deutete auf einen deutschen Sieg hin.

Doch dann unterlief Schweinsteiger im Strafraum ein fatales Handspiel. Schwer erklärbar, manche nennen es Pech. Doch womöglich werfen sich nur Spieler ohne Wettkampfpraxis so in einen Zweikampf, weil ihnen die Sicherheit fehlt. Es war eine loyale Entscheidung von Joachim Löw, am Kapitän Schweinsteiger festzuhalten. Der Trainer ließ ihm sogar die Extravaganz durchgehen, die Kapitänsbinde am rechten Arm zu tragen. Im Fußball kennen schon Zehnjährige das ungeschriebene Gesetz, das den linken vorschreibt.