24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Vergib mir, Cristiano, denn ich habe gesündigt. Bevor die EM begann, schrieb ich, dein Team wäre ohne dich besser dran. Weil du es erdrücken würdest mit deiner Superstarhaftigkeit, weil du am liebsten alles allein machst, dabei würde es doch auf die Mannschaft ankommen. Und weil du der Beste, Schnellste, Torreichste würdest sein wollen – und zu viel Ehrgeiz schon ganz andere zu Fall brachte.

Nun, sechs Spiele später muss ich sagen: Ich hatte unrecht. Vielleicht hatte nie jemand mehr unrecht als ich.

Ohne Ronaldo wäre Portugal nie ins Finale dieser EM gekommen. Ihre Taktik – hinten drin stehen und abwarten, bis die Gegner nur noch schlaftrunken über den Platz torkeln und dann zuschlagen (oder auch nicht) – funktionierte nur mit Ronaldo. Außer ihm kann ja keiner so recht zuschlagen.

Was wurde über ihn wieder alles geschrieben. Ronaldo, auch das ist ja eine Qualität, lässt keinen kalt. Für die einen ist er ein Poser, in seinem selbstverliebten Expressionismus der Untergang des Fußballs. Für die anderen genau deshalb der letzte Superstar. Wenn die EM aber bisher für eines gut war, dann dafür, dass sie diese Debatte ein klein wenig versachlicht haben könnte. Worauf man sich nämlich einigen kann: Ronaldo kann fürchterlich nerven, aber er ist auch ein verdammt guter Fußballer.

Ein unsichtbares Leiterchen dabei

Dieser Mittwoch, der 6. Juli, jedenfalls lief ganz gut für ihn. Während sein größter Konkurrent um den Titel des größten Fußballers der Gegenwart zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, machte Ronaldo sein neuntes EM-Tor. Damit egalisierte er den Rekord von Michel Platini, auch wenn der damals, 1984, nur fünf Spiele für seine Treffer benötigte, statt 20 wie Ronaldo.

Generell galt: War Ronaldo bei dieser EM nicht zu sehen, musste man auch Portugal auf dem Platz suchen. Ging es Ronaldo dagegen gut, lief es auch für Portugal. Am Ende der für beide rumpeligen Vorrunde rettete Ronaldo mit seinen Toren gegen Ungarn überhaupt erst die Qualifikation für die K.-o.-Runde, als Gruppendritter übrigens hinter Ungarn und Island, die zwischendurch zwar mehr gehypt, dafür aber längst wieder zu Hause sind. Im Achtelfinale bereitete er immerhin das entscheidende Tor vor, wenn auch unfreiwillig, im Viertelfinale war er wie der Rest seines Teams wieder nicht zu sehen, dafür aber in diesem Halbfinale.

Es dauerte 50 Minuten. Auch das kennt man mittlerweile von den Portugiesen, die es wie kaum ein anderes beherrschen, in einem Spiel einfach nichts passieren zu lassen. Ihr Spiel war deshalb nur oft schwer zu ertragen. Dann fliegt kurz nach der Pause diese Flanke vors walisische Tor, wo Ronaldo ein unsichtbares Leiterchen mitgebracht zu haben scheint, so stabil steht er plötzlich in der Luft und köpft den Ball vorbei an Wayne Hennessey. Ein Kopfball, der sich fortan in Lehrvideos finden wird. "Es gibt drei Dinge, die so in der Luft stehen: Hubschrauber, Kolibri und Ronaldo", analysierte Mehmet Scholl und hat endlich einmal recht. 2,53 Meter Luftstand, hat die ARD ausgerechnet. Ein Fußballtor ist übrigens nur 2,44 Meter hoch.

Portugal führt. Dank Ronaldo. Auch wenn die zehn anderen Portugiesen auf dem Platz den Ball vor allem in diesem Spiel plötzlich schön in den Strafraum befördern können, sie sind darauf angewiesen, dass ihn auch jemand ins Tor schiebt. Oder dass jemand anderes einen seiner Versuche noch den letzten Dreh gibt.