Das sagt doch vielleicht was aus, wie die Franzosen ihren Sieg feierten. Sie standen vor ihrem Fanblock und kopierten das "Hu!", den Wikingerschlachtruf Islands. Das war eine schöne, bescheidene Hommage an die Helden dieses Turniers von der Vulkaninsel. Und die Geste passte. Frankreich hatte gewonnen – das überraschte nicht. Doch mit einer Art isländischen Taktik – womit kaum jemand gerechnet hatte.

Deutschland ist bei großen Turnieren ein sicherer Halbfinalkandidat. Zum sechsten Mal nacheinander erreichte das Team die letzten Vier. Danach war allerdings viermal Schluss, nun auch in Marseille. Wieder also eine Halbfinalniederlage unter Joachim Löw, doch diese war anders als frühere. Die Niederlagen gegen Spanien 2010 und Italien 2012 waren kalte Wassereimer ins Gesicht. Nach guten Leistungen zuvor enttäuschte Deutschland damals so sehr, dass der Trainer in Gefahr geriet.

Im Halbfinale dieser EM sah die deutsche Elf während des Spiels sogar größer aus als der Sieger, und sie fühlte sich danach auch so. Dafür hatte sie gute Gründe, denn sie hatte die Heimelf leiden und rennen lassen. Das Spiel sah aus wie das Duell Groß gegen Klein, bei dem Klein halt das glückliche Ende für sich hatte. Da ist was dran, doch es war nicht nur Pech. Die Spielweise der Deutschen, die zu ihrer Dominanz führte, hatte einfach ihren Preis.

Tempo, Ball und Gegner kontrolliert

Zweifellos war es beeindruckend, was die deutsche Elf vor allem in der ersten Halbzeit gegen die leicht favorisierten Franzosen zeigte. Im enorm lauten Vélodrome der französischen Fußballhauptstadt stürmte Frankreich zwar erst mal los. Erste Chance, Manuel Neuer hält. Doch dann kontrollierte Deutschland mit dem Dreieck Toni Kroos, Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger Tempo, Ball und Gegner. Deutschland ließ Frankreich zehn, zwanzig, dreißig Minuten gar nicht mehr mitspielen, signalisierte dem Gegner: Wir haben Zeit, Leute. Deutschland versteckte den Ball.

Den Franzosen fehlte jeder Zugriff aufs Spiel. Sie verschanzten sich am Strafraum, ohne Aussicht auf Ballgewinn. Und hatten sie ihn mal, verloren sie ihn bald wieder. Zum ersten Mal in diesem Turnier mussten sie hinterherlaufen, zum ersten Mal hatten sie einen Gegner: den Weltmeister, der durch sein reifes Positionsspiel seinem Titel und Ruf gerecht wurde. Die Zuschauer spürten die Hilflosigkeit ihrer Mannschaft und sangen umso inbrünstiger die Marseillaise.

Es schien alles in sicheren Händen, doch die letzte Szene der ersten Hälfte entglitt der deutschen Elf. Frankreich erhielt zunächst einen vermeidbaren Eckball. Frankreich erhielt dann einen vermeidbaren Handelfmeter, in einer harmlosen Situation. Diesmal war es Bastian Schweinsteiger, der Superman sein wollte. Er hob den rechten Arm, was man als Deutscher in Frankreich nun mal nicht macht. Schon wieder die falsche Sportart. An Jérôme Boateng, der im Spiel zuvor Ähnliches fabriziert hatte, darf man sich schon was abschauen, aber doch nicht alles.