Das Spiel war schon seit 15 Minuten vorbei, die deutsche Mannschaft schon lange weg, der deutsche Block geräumt, da lief Antoine Griezmann noch einmal in die französische Ecke und verbeugte sich wie ein Zauberer: die Füße zusammen, eine Hand auf dem Rücken, die andere bezeichnete in der Luft einen Wirbel. Er hatte gerade seinen neuesten Trick vorgeführt, und wie alle anderen zuvor hatte auch der wieder perfekt funktioniert. Der Trick heißt unter Magiern "Zwei Tore gegen Deutschland", und es ist einer der schwersten überhaupt.

Sechs Tore in sechs Spielen hat Antoine Griezmann bis jetzt in diesem Turnier erzielt, aber diese beiden wird ihm sein Land nicht mehr vergessen. Das Halbfinale war die erste wirkliche Prüfung für dieses Team seit dem Viertelfinale bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren, auch damals ging es gegen Deutschland.

Tag des Ruhms – darunter ging es nicht

Seitdem gab es für Frankreich nur Freundschaftsspiele und EM-Pflichtspiele auf Halbflamme: gegen Rumänien, Albanien, die Schweiz, gegen Irland und Island. Die EM im eigenen Land hat den französischen Spielern vor allem die Aufgabe gestellt, in Interviews immer und immer wieder zu Protokoll zu geben, wie sehr sie ihre Gegner respektierten. Zu Legenden können in diesen Spielen aber nur die anderen werden.


Für Frankreich stand viel auf dem Spiel in diesem Halbfinale: Die Sportzeitung L'Équipe hatte den "Tag des Ruhms" ausgerufen, den "jour de gloire", ein Zitat aus der Marseillaise. Kleiner hatten sie es in Frankreich nicht vor diesem Spiel. Die gesamte Saison der Franzosen kulminiere in diesem Spiel, hieß es da, an nichts anderes werde man sich in Zukunft erinnern.

Fast wäre das Turnier auf diese 90 Minuten eingeschmolzen

Dieses Spiel werde vergessen machen, was im vergangenen Jahr gut gelaufen sei und was schlecht gelaufen sei. Im gewisser Weise ging dieses Turnier für Frankreich jetzt erst los, und es stand zu befürchten, dass es lediglich 90 Minuten dauern würde. Was Deutschland in Halbfinalspielen mitunter mit dem Gastgeber anstellte, hatte sich auch bis nach Marseille herumgesprochen. Dann aber tauchte dieser Griezmann auf, der mit Atlético Madrid doch gerade erst die Champions-League-Saison von Bayern München beendet hat.

Frankreich hatte das Spiel mit einer traumhaften Passstafette eröffnet, die einfach nicht aufhören wollte und erst in der siebten Minute bei Manuel Neuer ihr Ende fand. Doch dann gab Deutschland eine halbe Stunde den Ball nicht mehr her, und Frankreich reagierte in dieser Reihenfolge verblüfft, beeindruckt und schließlich in Auflösung begriffen. Die Bälle rollten ins Aus, der eigene Ballbesitz hielt kaum mehr ein, zwei Pässe, da hatten ihn schon wieder die Deutschen. So lange hat die Kurve im Stade Vélodrome schon lange nicht mehr geschwiegen wie in diesen Minuten. Frankreich ließ sich regelrecht zurechtlegen.