Der Papierfetzen liegt mittlerweile mit goldenem Samt überzogen in einer Diamantvitrine des DFB. Der Spickzettel vom Viertelfinale 2006 mit argentinischen Schießvorlieben. "Lehmann ist der Fußballgott", schrie Reinhold Beckmann damals ins Mikrofon, als Jens Lehmann im WM-Viertelfinale gegen Argentinien den letzten Elfmeter parierte. Deutschland zog ins Halbfinale ein. Hunderttausende schrien auf den Fanmeilen seinen Namen. Bis heute haben sie damit nicht aufgehört.

Ähnlich geht es Oliver Kahn. Wer ihn auf YouTube eingibt, findet häufig Videos vom Elfmeterschießen aus dem Champions-League-Finale von 2001. Kahn hielt gegen den FC Valencia drei Elfer und sorgte dafür, dass der sonst so zurückhaltende Marcel Reif minutenlang schrie: "Kaaaaaahhhhhhn. Die Baaayeeern. Die Baaayeern."

Torhüter können schnell unsterblich werden. In einem wichtigen Spiel zwei, drei Elfmeter halten. Schon haben sie ihren Moment, mit dem sie immer in Verbindung stehen.

YouTube-Momente ohne Ende

Bei Manuel Neuer ist das anders. Neuer ist kein Held für einen Moment, eine Parade. Neuer ist der Immer-Held. Am Samstag hielt Neuer gegen Italien zwar zwei Elfmeter und trug maßgeblich zum Weiterkommen bei. Als Held von Bordeaux gilt trotzdem ein anderer. Neuers Problem: Die Liste seiner Heldentaten ist einfach zu lang.

Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid. Neuer hält die Elfmeter von Ronaldo und Kaka. Bayern kommt weiter. Ähnlich läuft es im selben Jahr im DFB-Pokalhalbfinale gegen Borussia Mönchengladbach, im europäischen Supercupfinale 2013 gegen den FC Chelsea, im DFB-Pokalfinale 2016 gegen Dortmund und jetzt auch im EM-Viertelfinale. Immer hampelt Neuer umher, breitet seine Arme aus und lässt seinen Kasten hinter ihm wirken wie ein Eishockeytor. Und er tut es immer wieder.

Selbst außerhalb seines Strafraums erzeugt er massenhaft YouTube-Momente. Man denke nur an seine berühmten Algerien-Ausflüge im WM-Achtelfinale 2014, bei denen er Tausende Bonusmeilen erlief.

Bei der laufenden EM bekam Neuer kaum etwas auf das Tor, und das was kam, hielt er. In wenigen Momenten da sein. Das ist vielleicht seine größte Heldentat. 527 Minuten blieb er ohne Gegentor. Rekord eines deutschen Torhüters bei einem großen Turnier. Nur ein Elfmeter von Leonardo Bonucci konnte ihn überwinden.

Selbstverständlich heldenhaft

Manuel Neuer übersättigt die Sehnsucht des Publikums nach heroischen Taten. Auch am Bierstand vor der Leinwand heißt es oft: "Keine Sorge, den hat Neuer wieder." Nach dem Sieg gegen Italien titelte Sport1: "Neuer wird wieder mal zum Helden". Bei der Bewertung von Neuers Taten schwingt unweigerlich eine große Portion Selbstverständlichkeit mit. Der Fußballfan und die Reporter tun sich schwer, Neuers besondere Leistung immer noch als besonders anzusehen. Aber das ist sie. Neuer macht Legendäres zum Alltag.

Wie viele Neuer-Denkmäler sollen die armen Steinmetze denn zusammenhämmern? Bis eins fertig ist, hat er schon wieder drei weitere verdient.

Ein nüchterner Blick genügt, um das Phänomen Neuer einzuordnen. Da ist ein Torhüter, der gefühlt jeden zweiten Elfer hält, der im Mittelkreis im Startblock steht und von dort immer schneller am Ball ist als alle anderen und der wahrscheinlich bald als erster Keeper überhaupt im Abseits stehen wird. Das werden die Franzosen am Donnerstag im Halbfinale merken. Ihre Aufgabe wird es sein, ihm das erste richtige Gegentor aus dem Spiel heraus bei dieser EM einzuschenken. Das wird schwer, denn bei Neuer passiert Einmaliges halt nicht nur ein Mal, und genau das macht ihn einmalig.