24 Mannschaften treten bei der Fußballeuropameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT oder dem ZEITmagazin die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte.

Wird es jetzt auch walisische Namensgeneratoren geben? So was mit –wydd oder –llytharea? Oder Videos vom walisischen Kommentator, wie er über die Pressetribüne springt? Soll es gestern auch gegeben haben. Kleines Land, großer Erfolg, es gibt walisisch-isländische Parallelen. Zum Kultstaus der Isländer fehlt den Walisern aber noch etwas. Was genau, ist nicht ganz klar. Fest steht: Wales ist die fast noch größere Überraschung. Denn sie sind bereits eine Runde weiter und haben berechtigte Hoffnungen auf das Finale und, gut, das eint sie wieder mit den Isländern, einen der Favoriten geschlagen.

Es regnet zum Viertelfinale der Waliser tüchtig in Lille. Das macht den Wales-Paten erst mal froh, ist das Land im Westen Großbritanniens doch oft regenverhangen und feucht, besonders im bergigen Norden. Mit dem Lille-Wetter sollten die Mannen aus Wales also zurechtkommen. Dazu ordentlich rennen und kämpfen, das alles versehen mit einer gehörigen Portion Mannschaftsgeist.

Superstar Bale blieb unauffällig

Aber das hilft erst mal nichts: Die Belgier sind stark, sie sind ballsicher und schnell, spielen wie ein Favorit, machen Druck. Tausende Anhänger haben den kurzen Weg über die Grenze nach Lille gefunden. Schon in der 6. Minute hätten sie führen müssen, eine Tripelchance. In der 12. Minute ist es doch so weit: Radja Nainggolan platziert einen scharfen Fernschuss aus 28 Metern links oben im Waliser Tor.

Doch das Tor gibt den Belgiern keine Sicherheit. In der 25. Minute die erste Großchance für Wales, Torwart Thibaut Courtois hält bravourös. Eine Warnung – die die Belgier aber nicht begreifen. In der 30. Minute köpft Wales' Kapitän Ashley Williams nach einer Ecke den Ball locker ins belgische Tor. Das stellt den Spielverlauf – man muss es ehrlich sagen – erst mal auf den Kopf.

Die Belgier aber werden jetzt tüddelig, die Souveränität ist weg und kommt auch nicht wieder. Und man merkt: Weil ihre Abwehr wegen vieler Verletzungen neu aufgestellt werden musste, gibt es hinten große Abstimmungsprobleme. Wales Spiel sieht dagegen plötzlich sehr solide aus.

Die zweite Hälfte beginnen die Belgier mit dem selben Sturm und Drang wie die erste – doch das Tor machen die Waliser: Hal Robson-Kanu vollzieht eine seltsame Drehung im belgischen Strafraum, die aber ausreicht, um alle seine Gegner zur falschen Seite rennen zu lassen, der Ball ist drin. Solche Tricks, wie der von Robson-Kanu vollzogene Cruyff-Turn, sind bei dieser EM wieder in Mode. Robson-Kanu ist seit dem 1. Juli ohne Verein. Der FC Reading, ein englischer Zweitligist, verlängerte seinen Vertrag nach einer durchwachsenen Saison schlicht nicht. Könnte ein Fehler gewesen sein.

Hoffentlich regenet es wieder

Belgien drängt nun, ist aber nicht zwingend. Dann die 86. Minute: Konter Wales, Kopfball Sam Vokes – das Spiel ist entschieden.

Der große Wermutstropfen für das Patenteam: Der starke Aaron Ramsey von Arsenal London erhält die zweite Gelbe Karte, er fällt im Halbfinale aus. Was in dieser Partie aber besonders auffiel: Der Waliser Superstar Gareth Bale gehörte in der Partie eher zu den unauffälligen Kickern. Gewonnen hat die Mannschaft mit einfachen, eindeutigen Spielzügen. Und mit unglaublicher Begeisterung.

Hoffen wir also wieder auf ordentlich Regen im Halbfinale gegen Portugal. Das sind die Portugiesen womöglich nicht so gewohnt, denn auf der iberischen Halbinsel ist es meist eher trocken. Und dann starten wir die nächste Sensation.