Ein Golfschwung ist eine spannende Angelegenheit. 1,3 Sekunden dauert die komplette Bewegung, mehr nicht. 1,3 Sekunden, in denen sich dieser Sportart entscheidet, ob man erfolgreich ist oder nicht. Eine flüssige, elegante, von Anfang bis Ende harmonische Bewegung. Das Dilemma: Passt im Bewegungsablauf nur eine Winzigkeit nicht, geht alles schief. Nur ein kleiner Fehler in diesen 1,3 Sekunden, dann war es das.

Bald wird auch wieder bei den olympischen Spielen gegolft. Schon 1900 und 1904 war Golfen olympisch. Zwar haben viele Profis wie Rory McIlroy ihre Teilnahme abgesagt, weil sie das Turnier belanglos finden. Trotzdem aber ist Golf bei Olympia ein deutliches Indiz dafür, dass dem Sport keine ganz so elitäre Note mehr anhaftet, er ist nun für breitere Schichten zugänglich. Auch für mich.

Ich bin auf Schloss Lüdersburg zwischen Hamburg und Lüneburg. Dort gibt es das Angebot "Deutschlands schnellste Platzreife". Ein zweieinhalb Tage kurzer Lehrgang, an dessen Ende ich Besitzer der Platzreife sein soll. Aber geht das überhaupt: eine Sportart an nur einem Wochenende zu erlernen? Ein einziges Wochenende, um diese 1,3 Sekunden kurze Bewegung so hinzukriegen, dass nichts schief geht? Ich bin sportlich, fit und ehrgeizig, aber im Golfen bin ich absoluter Laie. Vom Golf habe ich so viel Ahnung wie der Hahn vom Eier legen. Aber ich will mir ein eigenes Bild von diesem Sport machen. Ich will Golfer werden.

Golfer hab ich mir älter vorgestellt

Es ist Freitagnachmittag und ich lerne den Mann kennen, der mich an mein Ziel bringen soll: Jason Crerar. Er ist einer der Golflehrer auf Schloss Lüdersburg und er enttäuscht mich sofort: Golfer habe ich mir immer anders vorgestellt. Älter, grauer, bäuchiger, mit einer dicken Limousine auf dem Parkplatz. Jason dagegen: lockerer Typ, vielleicht Ende 30. Die Hose schlabbert fast ein bisschen, und sein Golf-Bag hat er lässig geschultert. Auch meine Befürchtung, mit 25 Jahren weitaus der Jüngste im Kurs zu sein, bewahrheitet sich nicht. Viktor ist zwar zwei Köpfe größer, aber auch drei Jahre jünger als ich. Er, seine Eltern, Gabi und Roman – meine ersten Golffreunde.

Zu diesem Zeitpunkt passt meine Golfwelt noch in einen Jute-Beutel, den ich als Antrittsgeschenk bekommen habe: das Starter-Kit. Ein Ball, eine Pitch-Gabel, ein paar Holzstäbchen, genannt "Tees", eine Broschüre und ein weißer Handschuh sind meine ersten Golf-Utensilien. Dann gibt es noch einen Satz Schläger für jeden. Als einziger brauche ich ein Set für Linkshänder, sagt Jason, dabei mache ich doch eigentlich alles mit rechts. Golf scheint etwas völlig anderes zu sein.

Auf der Driving Range liegt für jeden eine Pyramide aus Bällen bereit. Aber bevor wir selber drauf losschlagen, zeigt uns Jason, wie es richtig geht. Ich staune, denn ihm gelingt alles. Jason ist seit 1993 Pro. Seit er im selben Jahr von England nach Deutschland gekommen ist, hat er nichts anderes mehr gemacht. Seit mehr als 20 Jahren ist er Coach. Golf spielen kann sehr elegant aussehen.

Dann sind wir an der Reihe. Ich nehme das Eisen sieben aus meinem Bag, stecke eines dieser Holzstäbchen in den Boden, lege einen Ball von der Pyramide drauf und setze an. Probeschwung – okay. Also los. In der Trockenübung hatte ich gelernt, wie ich aushole, zuschlage, mich drehe, den Schwung beende und dem fliegenden Ball hinterher schaue. Also schaue ich und sehe: nichts. Als sich mein Blick wieder zu Boden senkt, sehe ich meinen Ball vor meinen Füßen hoppeln. Mein erster Treffer hat den Ball zwei Meter weit befördert. Von den ersten zehn Golfschwüngen meines Lebens passt bei neun Versuchen überhaupt nichts. Nichts von Eleganz, Harmonie und Dynamik. Stattdessen sechs Luftlöcher, drei Schläge in den Boden, neun Katastrophen. Einmal habe ich den Ball getroffen.