Es gibt im Leben von 21-jährigen Menschen unangenehme Entscheidungen. Über das Studienfach. Das nächste Smartphone. Die Kleidung beim Bewerbungsgespräch. Und es gibt das Leben von Mario Götze. Der musste sich, als er 21 Jahre alt und einer der talentiertesten Fußballprofis des Landes war, im Dortmunder Stadion von 80.000 aufgebrachten Fußballfans bepöbeln und auspfeifen lassen. Weil man sich um seine Gesundheit fürchtete, wärmte sich der Bayernspieler in einem geschützten Kabinengang auf. Mario Götze war kein gewöhnlicher 21-Jähriger.

Mittlerweile ist Götze 24 Jahre alt und er wechselt von München zurück nach Dortmund. Zwischen 23 und 27 Millionen Euro wird er kosten, nach München gegangen ist er für 37 Millionen. Doch das ist Nebengetöse. Es ist kein gewöhnlicher Wechsel. Ausgerechnet Götze, wird man sich auf der Dortmunder Südtribüne zuraunen. Als er im November 2013 mit dem FC Bayern zum ersten Mal zu Gast bei seinem alten Verein Borussia Dortmund war, wurde Götze eingewechselt und schoss ein Tor. Das Stadion pfiff so laut, dass sein über die Stadionboxen ausgerufener Name nicht zu hören war. Er kommt zurück zu dem Publikum, das ihn verstieß.

Kann das gutgehen?

Dortmunds Fans sehen in Götze alles, was sie an München verabscheuen. Das viele Geld. Die bayerische Selbstherrlichkeit der vielen Titel. Und das Fiese, weil sein Wechsel damals plötzlich publik wurde, am Abend vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Madrid, einem der wichtigsten Spiele des BVB seit Langem. Götze spürte in den Folgejahren wie kaum ein Zweiter, wie sich Häme anfühlt. Dortmunder überklebten alte Götze-Trikots. Die Super-Enttäuschten zerrissen das neue Bayerntrikot bei Spielen gegen die Münchner. Mit Götze waren sie fertig.

Es braucht viel Mut, sich freiwillig wieder für dieses Publikum zu entscheiden. Als hätte er den BVB-Markenclaim Echte Liebe ziemlich ernst genommen. Viele Borussen werden mittlerweile zwar milder über ihn urteilen. Drei Jahre in der Fremde entschärfen selbst die Gedanken von nachtragenden Fußballfans. Eine Rückkehr zum Normalen wird es aber nicht geben. "Ich würde die Entscheidung so heute auch nicht mehr treffen", sagte Götze über seinen Wechsel 2013 nun. "Wenn ich nun in meine Heimat zurückkehre, möchte ich versuchen, alle Menschen – gerade auch die, die mich nicht mit offenen Armen empfangen – durch Leistung zu überzeugen."

Welchen Platz wird er einnehmen?

Er wird aber nicht nur um die Gunst der Tribünen spielen müssen. Auch sportlich ist sein Wechsel gewagt. Vieles ändert sich gerade, Götze kommt mitten in den Dortmunder Wandel hinein. Ein Jahr lang griff Thomas Tuchel noch auf die Spieler der Klopp-Ära zurück. Nun ist er dabei, seinen eigenen BVB zu schöpfen. Henrich Mkhitaryan durfte gehen, İlkay Gündoğan und Mats Hummels auch, Robert Lewandowski ist schon länger weg.

Tuchel spähte in Europa nach jungen Talenten. Er verpflichtete die 18-Jährigen Ousmane Dembélé und Emre Mor, den Europameister Raphaël Guerreiro und die Spanier Mikel Merino und Marc Bartra. Vielleicht kommt auch noch André Schürrle. Dortmunds Team wird in der neuen Saison ein spannendes Labor. Welche Rolle wird Mario Götze darin spielen?