An diesem Freitag um 20.45 Uhr erlebt der FC Carl Zeiss Jena endlich wieder einen Glanzpunkt in seiner langen und leider flatterhaften Geschichte. Bayern München nebst neuem Trainer Carlo Ancelotti betritt in der 1. Runde des DFB-Pokals das erlauchte Ernst-Abbe-Sportfeld. Für Ancelotti ist das etwas Besonderes, nämlich ein Wiedersehen. Er war schon einmal zu Gast, am 1. Oktober 1980 erfuhr er als Mittelfeldspieler mit seinem AS Rom eine charmante 0:4-Pleite im Europapokal der Pokalsieger. Ein unvergessenes Spiel. Seither halten sich die Erfolge Jenas tief im Thüringer Wald verborgen.

In der ewigen Tabelle der DDR-Oberliga steht der FC Carl Zeiss zwar für immer mit drei Meistertiteln, sieben Vizemeistertiteln und fünf Pokalsiegen auf dem ersten Platz. Doch seit dem Abstieg aus der 3. Liga im Jahr 2012 kickt der Club in der Regionalliga Nordost.

Für mich existiert der FC Carl Zeiss Jena seit 1975. Ich war zwölf und kannte bis dahin nur die Bolzer von Motor Weimar, unserer lokalen Zweitligatruppe, die vom Mähdrescherwerk Weimar ausgehalten wurde. Weimar ist bis heute fantechnisch eine geteilte Stadt. Der familiäre Hintergrund bestimmt die Farben. Entweder sind die blaugelbweiß für Jena oder rotweiß für Erfurt. Die immerwährende Zwietracht zwischen den beiden Städten hat mit Fußball, aber auch Religion und Politik zu tun.

Mein Vater nahm mich in unserem Trabant mit ins benachbarte Erfurt zum Thüringenderby gegen Jena. Damals stand das Abknicken von Antennen und Abtreten von feindlichen Autospiegeln hoch im Kurs. Die meisten Jenafans kamen deshalb mit dem Zug oder parkten ihre Autos weit entfernt vom Stadion. In der DDR-Mangelwirtschaft konnte es Monate dauern, bis man an die entsprechenden Ersatzteile kam.

Wir marschierten ins Stadion und suchten uns einen sicheren Platz in der Kurve. Im Zeitalter vor der Blocktrennung waren Auswärtsfahrten Expeditionen ins Herz der Finsternis, es gab keinen schützenden Bereiche für Gäste. Jeder Zentimeter des Stadions war Feindesland, das die Krieger bis zum letzten Atemzug verteidigten.

Eine Zeitlang fuhr ich mit meinen Freunden mit dem Zug nach Jena, wir sahen jedes Heimspiel. Häufig schwänzten wir die letzte samstägliche Schulstunde, weil wir pünktlich im Stadion sein mussten. Der Fußball unterhöhlte schon früh mein Verhältnis zur Obrigkeit und ließ mich den Charakter des DDR-Sozialismus erkennen.

Ein Fanblock voller Helden

Später brausten wir mit unseren Mopeds der Marke Simson S50 und unseren Zauberbräuten auf dem Sozius aus Weimar heran. Die rote Fassbrause kostete 25 Pfennig, die Bockwurst 85 Pfennig. "Seid ihr alle da? Jäääää! Wer wird gewinnen? Jääääno!"

Bis ins Frühjahr '81 war der FCC alles für mich. Ich ließ mich für ihn bei Chemie Leipzig von den Chemie-Zombies durch die Gärten jagen, erlebte Blockstürme durch modisch-elegante Berliner und rauflustige Hallenser, musste mich wieder und wieder von den Mitgliedern meines Zirkels der lesenden Arbeiterkinder fragen lassen, was ich nur mit diesen schrecklichen Fans zu tun habe. Dabei waren genau diese schrecklichen Fans meine wahren Helden. Der Fanblock in Jena als ein magischer Ort voll böser Buben, die nur Unfug im Kopf hatten.

In der Saison 1980/1981 spielte der FCC eine begnadete Saison im Europapokal der Pokalsieger. Im Pokalfinale des sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) war 1980 in Berlin ausgerechnet RW Erfurt getrimmt worden. Auf dem Weg ins Endspiel folgten Fußballfeste gegen den AS Rom, FC Valencia, gegen Newport County und Benfica Lissabon. Besonders der Sieg gegen Rom hat sich ins kollektive Gedächtnis der Fans gebrannt. 0:3 hatte Jena das Hinspiel in Rom verloren, ich verfolgte die Demütigung am Radio. Das DDR-Fernsehen zeigte aus Devisenmangel nur selten Auswärtsspiele in kapitalistischen Ländern.