"Am Ende brauchst du halt einen, der das Ding rein macht." Wenn es eine Fußballwahrheit gibt, dann diese. Dennoch wird ihre Wichtigkeit oft verdrängt. Man könnte sogar sagen, die letzten 20 Arbeitsjahre an der taktischen Innovationsfront hätten kein anderes Ziel verfolgt, als die Bedeutung dieser Einsicht zu bekämpfen.

Auf noch immer nicht ausreichend verstandene Weise ging dieses Bestreben mit einer umfassenden Quantifizierung des Spiels einher. Sichtbarstes Zeichen war das Erfassen der Ballbesitzquoten. Eine Informationspraxis, die bis heute die Basis gleich mehrerer, einander überlagernder Fehlurteile bildet. In ihrer vulgärsten Form lautet die mit ihr verbundene Kurzschlussfolge: Die Mannschaft mit mehr Ballbesitz habe "mehr vom Spiel gehabt", also den "Gegner dominiert", also "besser gespielt", also "den Sieg eigentlich verdient", also gegebenenfalls "unverdient verloren".

Man erkennt sofort, wie unbrauchbar dieser Analysetypus ist. Dennoch dominiert er die Analysen der Medien und Experten, ja sogar der Trainer. So sprach der Dortmunder Thomas Tuchel nach dem 0:2 im Supercup gegen die Bayern von einer "unverdienten Niederlage" und berief sich auch auf die Ballbesitzquote.

Dabei sagt Ballbesitz so gut wie nichts über das Spielgeschehen: nichts über dessen Qualität oder Intensität, nichts über dessen taktische Ausrichtung oder den konkreten Verlauf, nichts über Torschüsse oder Chancenverteilung. Er ist, mit anderen Worten, ein klassischer Blindwert. Nicht mal zwischen Ballbesitz und Torereignis besteht im Fußball ein analysetaugliches Verhältnis. Wer anderes glaubt, setzt gedanklich bereits "mehr Ballbesitz" mit "mehr Torchancen" gleich, begeht also gleich mehrere Denkfehler auf einmal.

Erstens ist die Umsetzung der Ballbesitzquote in Torchancen auf dem Platz eine sehr schwierige Aufgabe. Zweitens besteht zwischen Chancenzahl und Torereignis eine extrem starke Unwucht. Den datenhörigen Normalanalytiker ficht das nicht an. Bereits kurz nach Spielschluss kommt er mit einem ausgedruckten Data-Sheet vor laufender Kamera zu dem angeblich streng wissenschaftlich gesättigtem Schluss: Klar mehr Ballbesitz gehabt! Klar mehr Pässe gespielt! Klar mehr Chancen kreiert! Und trotzdem ausgeschieden! Riesenpech!

Man muss wiegen, nicht zählen

Beispielhaft und entsprechend unwürdig zu beobachten war dies bei den (aus deutscher Sicht) wichtigsten Spielen der vergangenen Saison, den Champions-League-Halbfinals des FC Bayern gegen Atlético Madrid und dem EM-Halbfinale der deutschen gegen die französische Nationalmannschaft. Sie wurden fast überall als extrem unglücklich und unverdient bewertet. 

Doch legten gerade diese Partien die Grenzen einer quantitativen Erfassung des Spiels frei. Wie allen Bewertungen im Leben, die nach dem verlangen, was Philosophen "Urteilskraft" nennen, gilt auch in der Spielanalyse: Man muss die Stimmen wiegen, nicht zählen. Konkret: Man muss den Ballbesitz, die Zweikämpfe, die Pässe, die Chancen wiegen und nicht nur zählen. Erst dann ergibt sich eine tragfähige Beurteilung.

Ich möchte deshalb behaupten, dass es keine rein quantitative Analyse gibt, die die beiden Halbfinaleliminationen beschreiben kann, und stattdessen zwei Begriffe einführen, die mir geeignet scheinen, das Spiel treffender zu bewerten. Es ist die Unterscheidung zwischen einer, wie ich sagen will, "felddominant" und einer "szenendominant" ausgerichteten Fußballmannschaft.

Felddominante Trainer sind Pep Guardiola, Thomas Tuchel oder auch Jogi Löw, szenendominante Trainer dagegen José Mourinho, Diego Simeone und Antonio Conte. Der szenendominante Ansatz bedeutet nicht, dass eine Mannschaft "auf Konter" oder "defensiv" spielt, denn weder Mourinho noch Conte oder Simeone sind ausgesprochene Konter- oder Defensivtrainer. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Trainer dieser Schule weder dem Ballbesitz noch den Passquoten oder der Chancenzahl eine entscheidende Rolle beimessen.

Eine felddominante Mannschaft hat immer die Zahlen auf ihrer Seite

Eine felddominante Mannschaft ist strukturvariabel, ändert also taktische Schemata während der Partie mehrmals. Eine szenendominante Mannschaft ist rhythmusvariabel, ändert Intensität und Tempo, was sich in zehn- bis fünfzehnminütigen Schubphasen zeigt, in denen das Spiel dann "zu kippen" scheint. Felddominante Mannschaften verstehen es fast nie, ihren Rhythmus wechseln (was gerade bei überraschenden Rückständen problematisch wird), szenendominante Mannschaften haben wenig taktischen Spielraum, dafür aber weite Intensitätsausschläge – vom kalkulierten Tiefschlaf bis zu bestialischen Entgrenzung.

Folglich präferiert eine felddominante Mannschaft in der Kadergestaltung mittelfeldträchtige Multifunktionskräfte des emotional ausgemittelten Typs (neue Paradetypen: Julian Weigl, Joshua Kimmich, David Alaba), während die szenendominante Mannschaft auf Grenzcharaktere mit einzigartigen Kompetenzspitzen setzt (neue Schule: Paul Pogba, Saúl Gonzalez).

Trifft eine felddominante Mannschaft auf eine erstklassig szenendominante, ist das Geschehen vorhersagbar. Die Ballbesitzquote liegt meist bei 60/40 bis 70/30, die Passquote bei 3/2 und das Eckballverhältnis wie auch das Torschussverhältnis bei 3/1. Das sagt an sich aber noch gar nichts, vor allem nicht darüber, wie verdient oder unverdient das Ergebnis ist.

Bei einem perfekt felddominanten Spiel geht die Ballbesitzquote in ein absurdes Chancenplus über und wird von Einzelkönnern gekrönt (das Pep-Tuchel-Schema). Im szenendominanten Verlauf wird die früheste Gegenschubphase mit einer herausragenden Aktion von maximal drei handverlesenen Schlüsselkräften vollendet und das Spiel fortan kontrolliert, indem man dem Gegner den Ball und scheinbar auch die Initiative überlässt, um mit einer weiteren kurzen Schubphase den Todesstoß zu setzen.

Eine felddominante Mannschaft hat immer die Zahlen auf ihrer Seite, eine szenendominante die vermeintliche Fortune. Das Wappentier einer felddominanten Mannschaft ist eine wendige Würgeschlange, das der szenendominanten eine muskuläre Giftschlange. Beide Ausrichtungen haben ihre Reize und Schönheiten. Welche man präferiert, zeigt nicht, ob man etwas von Fußball versteht, sondern, was für ein Mensch man ist. Das geht also ziemlich tief.

Ancelotti transzendiert beide Ansätze

Diese neue typologische Unterscheidung wird dem Fußball viel gerechter. Sie kann uns vor kindisch-unterkomplexen und vor allem peinlich selbstverliebten Analysen bewahren. Wie etwa bei den beiden Habfinalniederlagen gegen Madrid und Frankreich, denn da verloren nicht zwei klar bessere Mannschaften ("die Zahlen beweisen es doch!") unglücklich gegen zwei klar schlechtere, sondern giftig szenendominante setzten sich gegen zahnlos felddominante durch.

Nicht zuletzt spricht für die neuen Analyse-Instrumente, dass sie in der Lage sind, das aktuell spannendste Duell des Weltfußballs zu beschreiben: Pep Guardiolas Man City gegen José Mourinhos Man United. Blickt man auf die bisherige Kaderpolitik, setzt Mourinho mit den Einkäufen Ibrahimovic, Mkhitarian und Pogba auf Szenendominanz, während Guardiola nach Ilkay Gündogan und dem ballsicheren englischen Abwehrspieler John Stones sicher noch weitere Felddominanz anwerben wird. Allenfalls Leroy Sané könnte eine Ausnahme sein, spielt vielleicht aber in dieser Saison noch keine große Rolle.

Und vielleicht ist es ja gerade in dieser Situation das großes Glück des FC Bayern, für die kommenden Jahre nicht nur über einen Kader, sondern auch über einen Trainer zu verfügen, der beide Ansätze ideologisch transzendiert.