Sollten sie Angst haben, haben sich es die beiden russischen Doping-Whistleblower nicht anmerken lassen. Wären Julija und Witali Stepanow besorgt, müsste man sie aber verstehen. Tage zuvor hatte es einen digitalen Angriff gegeben, das Mail-Konto der 800-Meter-Läuferin wurde gehackt, auch ihr Adams-Account, das Doping-Meldeseystem der Athleten. Das Ehepaar nahm dazu in einer Videokonferenz mit 35 Journalisten aus verschiedenen Ländern Stellung. Es spürt nun den Atem derer, deren Machenschaften durch ihre mutigen Aussagen öffentlich wurden.

"Wir wissen nicht, woher die Attacken kamen. Aber die Ermittler, mit denen wir zusammengearbeitet haben, sagen uns, dass wir vorsichtig sein müssen", sagte Witali Stepanow. "Einen Account in diesem Meldesystem hackt man doch nur, wenn man die Adresse eines Sportlers herausbekommen möchte", sagte Julija Stepanowa. Dem Angriff auf den Account von Stepanowa war nach Angaben der Weltantidopingagentur Wada eine Fülle von Phishing-Mails vorausgegangen, mit denen andere Sportler zur Preisgabe ihrer Passwörter aufgefordert wurden. Illegale Handlungen stellte sie aber nur auf Stepanowas Konto fest.

Die beiden Kronzeugen des russischen Dopingvertuschungssystems lebten aus Sicherheitsgründen ohnehin an einem unbekannten Ort, nun mussten sie ihren Wohnort erneut wechseln. Sie haben Freunde gebeten, sich um ihren kleinen Sohn zu kümmern, falls ihnen etwas zustößt. "Wenn uns etwas passiert, sollten Sie wissen, dass das kein Unfall ist", sagte Stepanowa.

Die Sportlerin und ihr Mann, ein früherer Mitarbeiter der russischen Antidopingagentur Rusada, wissen, was mit Leuten passiert, die gegen das System aufstehen. Zwei ehemalige Funktionäre der Rusada, Nikita Kamajew und Wjatscheslaw Sinew, sind dieses Jahr auf unbekannte Weise ums Leben gekommen. "Wir würden es immer wieder machen", sagte Stepanowa tapfer. "Das einzige, was wir bedauern, ist, dass wir nicht schon früher ausgepackt haben."

Die Stepanows zeichneten ein düsteres Bild des Sports. "In Rio sind Sportler am Start, die in der Vorbereitung gedopt haben. Russische Sportler, aber auch solche außerhalb Russlands. Doping ist nicht nur ein russisches Problem", sagte Witali Stepanow. Er zeigte sich vor allem enttäuscht, dass kein russischer Athlet die Bühne von Rio nutzte, um die Doping-Kriminalität in der Heimat aufzuklären. "Zu einem wahren Champion gehört nicht nur eine exzellente und saubere sportliche Leistung", sagte er. "Einen Champion zeichnet auch aus, aufzustehen und zu benennen, was nicht in Ordnung ist."

Die Stepanows gehen davon aus, dass die meisten, wenn nicht alle russischen Olympiateilnehmer, über das russische Staatsdoping Bescheid wissen, selbst wenn sie dort nicht mehr trainieren. "Wer drei Jahre in dem System drin steckt, muss mitkriegen, wie es läuft", sagte Stepanow. Seine Frau berichtete von Landesmeisterschaften, in denen fünf oder sechs der acht Endlaufteilnehmer offensichtlich gedopt waren: "Sie haben die besten Trainer, die volle Unterstützung des Ministeriums. Und aus ihnen werden die drei ausgewählt, die zu internationalen Wettkämpfen fahren." Athleten, die sauber bleiben wollten, hätten in diesem System keine Chance.

"Es gibt in Russland keinen einzigen Ort, an den sie gehen können, um sich über Doping zu beschweren", sagte Witali Stepanow. Zudem müsse der, der öffentlich aussage, Repressalien fürchten. "Wer auspackt, der droht, aus der Sportförderung zu fliegen. Selbst wenn du bei Gazprom angestellt bist, steht dein Job auf dem Spiel", fügte er hinzu.

Erschreckendes berichtete er auch über die internationalen Sportorganisationen. Als er 2010 das erste Mal die Wada informiert habe, habe er festgestellt, dass sie kein Programm für Whistleblower habe. Viele der Informationen, die später zu einem Teilausschluss russischer Sportler von den Olympischen Spielen führten, waren schon vor London 2012 bekannt. Die Wada und das IOC spielten aber auf Zeit.

Besonders enttäuscht gaben sich die Stepanows über das Verhalten des IOC, vor allem über dessen Präsidenten Thomas Bach. "Sie haben sich einfach nicht für unsere Situation interessiert", sagte Witali. Dass Bach sie aus ethischen Gründen von Spielen ausgeschlossen hatte, kommentierte Julija Stepanowa wie folgt: "Das sendet das Signal: Mund aufmachen lohnt nicht. Nur wer zu dem Betrug schweigt, darf zu den Spielen."

Die Freude am Sport habe ihr das aber nicht genommen. "Natürlich gucke ich mir das 800-Meter-Finale an", sagte sie. Und ihr Training setzt sie fort und hofft auf gute Ergebnisse in der Hallensaison.