Vier Jahre haben sie sich auf dieses Großereignis vorbereitet und vollbringen nun schier unmenschliche Leistungen – ja, die olympischen Journalisten sind die wahren Helden dieser Spiele. Im Gegensatz zu den meisten Sportlern müssen sie nicht nur eine Disziplin meistern, sondern sich fast drei Wochen lang als wahre Allrounder beweisen. Im olympischen Fünfkampf der Journalisten.

1. Warten

Auf der Metaebene warten Journalisten natürlich auf Geschichten. Dabei gibt es nur ein eisernes olympisches Gesetz: Die besten Geschichten sind immer da, wo man gerade nicht ist. Der Zeitplan ist ein teuflisches Labyrinth, in dem sich selbst Veteranen verheddern. Hat man sich fürs Rudern entschieden, wird beim Tontaubenschießen Geschichte geschrieben. Einfach rüberfahren geht nicht, dafür sind die Wege zu weit. Wahre Profis haben sich daher im Medienzentrum häuslich eingerichtet, es gibt sogar einen Ruheraum mit Matratzen. Auf den Dutzenden Bildschirmen haben sie stets alles im Blick, fehlende Zitate (siehe Drängeln) liefert der Olympische Nachrichtendienst zuverlässig. Da kann man gar nichts verpassen. Dass man so auch zu Hause vor dem Fernseher hätte sitzen bleiben können, würden natürlich nur Kleingeister behaupten.

Es wird auch ganz real gewartet. Auf den Bus, auf Medaillen, auf schönes Wetter, auf das Essen. Ja, in der Essensschlange zeigt sich Brasilien von seiner liebenswürdigsten Seite. Zuerst muss man anstehen, um seine Bestellung aufzugeben und zu bezahlen. Später noch einmal, um sich die Leckereien (siehe Hungern) über die Theke reichen zu lassen. Das Problem: Man hat es so mit zwei Verkäufern zu tun. Brasilianer sind die liebenswürdigsten Menschen der Welt, hinter der Theke aber werden sie zum Grinch. Wenn Deutschland eine Servicewüste ist, dann ist Brasilien die Atacama. In dem Gesicht des Personals erkennt man den Unmut über die Gringos, die ihnen hier auch noch das Bier wegtrinken. Keine gute Idee ist es, durch Mimik und Gestik verstehen geben zu wollen, dass es toll wäre, wenn man bald seine Bestellung bekäme, weil man doch sehr bald wieder Sport sehen will – der Hungernde wird mit Bewegungen im Zeitlupenmodus bestraft. Es soll Kollegen geben, die haben so schon Weltrekorde verpasst. Wirklich.

2. Drängeln

Die Mixed Zone ist der Höllenschlund des Sportjournalismus, einer der wenigen Gründe, weswegen man jungen Menschen abraten muss, diesen so schönen Beruf zu ergreifen. Die Mixed Zone ist der Ort, an dem die Sportler nach ihrem Wettkampf an den Journalisten vorbeimüssen, die ihnen Zitate absaugen wie die Zika-Mücken das Blut ihrer Opfer. Zitate sind das Lebenselexier vieler Journalisten, dabei changiert der inhaltliche Gehalt der Sportlerworte meist irgendwo zwischen "Ich bin so überglücklich" und "Ich muss jetzt nach vorne schauen". Dennoch wird auf der Jagd nach dem gesprochenen Wort gedrängelt und geschubst, was die angespitzten Ellenbogen hergeben. Jeder möchte das erwartbare Sportlerzitat auch auf sein Aufnahmegerät gesprochen bekommen, obwohl es natürlich auch auf die Aufnahmegeräte aller anderen gesprochen wird. So kommt es zu bizarren Szenen. Journalisten etwa, die ihr Diktiergerät vor den Fernseher halten, in dem gerade ein Sportler interviewt wird. Das nennt man Exklusivität. Legendär auch der Kollege, der eine Armverlängerung dabei hat, also eine Art Zitatestick, mit dem er auch aus der fünften Reihe nach nichtigen Sätzen angeln kann.

Die Mixed Zone gibt auch die Nahrungskette im Berufsstand wieder. Zuerst nämlich werden die TV-Sender bedient, in diesem Bereich haben schnöde Schreiber keinen Zutritt. Es folgt der Bereich für die Nachrichtenagenturen. Und nachdem der Sportler sechs Mal das Gleiche gesagt hat, dürfen die Printjournalisten die verbalen Brotkrumen auflesen. Schön aber: Man kommt den Kollegen sehr nahe. Oh, es gab Knoblauch zum Mittag? Oh, das Shampoo war aus?

3. Frieren

Wer kommt eigentlich auf die Idee, Olympische Sommerspiele im Winter auszutragen? Kann das IOC keinen Kalender lesen oder verstehen sie die Sache mit der Südhalbkugel nicht? Einige Tage in Rio fühlten sich mit 20 Grad und Nieselregen tatsächlich eher wie Spiekeroog an und nicht wie Ipanema. Die Brasilianer leiden bei diesem Wetter übrigens am meisten. Sie tragen dicke Jacken, die wir zum Winterspaziergang aus dem Schrank holen. "Entschuldigung, dass es so kalt ist. Es ist halt Winter", sagte jemand neulich am Strand zu mir. An diesem Tag war der Himmel blau, Sonne, 27 Grad.

Der Hauptgrund für das Frieren aber sind die Klimaanlagen. Auf die sind sie in Brasilien sehr stolz. Auf jedem Bus, der eine hat, steht deshalb groß Air Condicionado. Leider haben alle Busse eine. Und, was soll der Geiz, die Anlage läuft immer. Deshalb rattern die Motoren der Busse, auch wenn sie eine halbe Stunde an der Endhaltestelle stehen. Es könnte ja zu warm werden da drin, bei 20 Grad und Nieselregen. Zieltemperatur der Anlagen sind etwa zwei Grad Celsius, selbst die Kollegen aus Sibirien werden da nervös. Wer nicht stets einen dicken Pullover dabei hat, stirbt den sicheren Kältetod. Nach einer Woche jedenfalls hustete und schniefte die halbe Journalistenschar. Die nächsten Winterspiele können getrost in Rios Bussen ausgerichtet werden.

Wie ein Rehkitz in der Großraumdisko

4. Hungern

In anderen Ländern über das Essen zu meckern, ist ein teutonischer Lieblingssport. Schuldig im Sinne der Anklage. Aber es muss sein. Was die Veranstalter einem in den Stadien hier als Essen verkaufen, ist als solches weder optisch noch geschmacklich zu identifizieren. Die Doppelcheeseburger und Chickensandwiches, die Höhepunkte der Olympiakulinarik sein sollen, sind traurige Brötchen mit Formfleischeinlagen, die den ganzen Tag mit Alufolie umwickelt in einer Warmhaltebox liegen. Wickelt man sie aus, möchte man nach dem Gegenteil von Foodporn googeln. Da kam es schon fast einer göttlichen Fügung gleich, dass man hier und da 50 Minuten auf den Fraß warten musste und an einigen Wettkampfstätten das Essen ganz ausgegangen war. Vielleicht hat die Firma, die den Zuschlag für die Verpflegung bekam (und natürlich familiäre Anbindung zum Organisationskomitee hat, wie es sich in Brasilien gehört), ihren Fehler aber auch bemerkt und ihre Laster jetzt endlich zu den Viehställen dieses Landes gelenkt, was sicher deren eigentliches Ziel war.

Obwohl dieses Land herrliches Fleisch, Tausende Früchte und einen Traum namens Açai zu bieten hat, ist die Verpflegungslage im Olympischen Dorf auch nicht besser. "Man würde denken, da es sich um ein südliches Land handelt, gebe es Obst. Aber in der Cafeteria gibt es nur wenig", sagte Igor Kazikow, der Chef der russischen Delegation. Bei derartigen Missständen entpuppt sich der kleine McDonalds im Dorf als letztes Wasserloch. Medien berichten von hundert Meter langen Schlangen und chinesischen Basketballern, die sich jeden Tag früh um neun ihren BigMac bestellen. Der Andrang ist dort so hoch, dass es nur noch 20 Einheiten Fastfood pro Bestellung gibt. 20! Vielleicht ist die miese Qualität des olympischen Essens aber auch nur Konzept. Ein italienischer Koch verwertet die Reste nämlich und serviert sie in seinem Restaurant Rios Armen. Und von denen gibt es mehr als genug.

5. Doof aussehen

Schon nach wenigen Tagen hat sich das echte Wahrzeichen dieser Spiele in die Gesichter der Journalisten gegraben: die olympischen Augenringe. Ein Symbol, das sich viele bald auch urheberrechtlich schützen lassen wollen. Die Ringe sind nur ein Teil des unästhetischen Auftretens der Medienvertreter. Modisch nach unten ziehen vor allem die offiziellen Teamtrainingsanzüge mit Ländernamen, die so manchen Reporterrücken schmücken. Osteuropäer und Lateinamerikaner tun sich besonders hervor, embedded journalism at its best. Der Preis für den hässlichsten Trainingsanzug geht übrigens seit Jahren zuverlässig an die Ukraine.

Auch sonst überzeugen Journalisten nicht durch Stilsicherheit. Tennissocken und Stachelbeerbeine allerorten. Wo die Medienmeute allerdings besonders doof aussieht: am Strand. In seiner spärlichen Freizeit macht der Journalist dort so viel falsch, dass viele Cariocas ihn schon erkennen, wenn er noch nicht einmal die Hoteltür zugezogen hat. Der Gringo am Strand ist weiß wie eine Bäckermütze, trägt seinen Rucksack ängstlich auf der Brust und macht ganz allgemein den Eindruck eines Rehkitzes in der Großraumdisko. Weil er keine Ahnung von den lokalen Ritualen des Strandbesuchs hat.

Brasilianer machen sich zum Beispiel darüber lustig, dass Besucher immer aufs Meer schauen anstatt sich wie sie im Stühlchen mit der Sonne zu drehen, den Himmelskörper immer im Gesicht, wie eine Sonnenblume. Gringos liegen am Strand auch einfach nur herum. Das ist natürlich falsch. Der Carioca hockt breitbeinig in seinem Stuhl, überprüft die Inhalte seiner Badehose und schaut interessiert auf den Hintern der Nachbarin. Oder er treibt Sport. Volleyball, Fußvolleyball, Slacklining, Surfen oder einfach nur das Ballhochhalten am Wasser, bei dem selbst Brasiliens Großmütter mehr Gefühl im Fuß offenbaren als so mancher Bundesligafußballer. Sport ist eben alles. Doch dafür sind die Journalisten nach ihrem Fünfkampf eh viel zu müde.