In einer kleinen Stadt im Osten Sachsens wurde am Sonntag um 13.50 Uhr Fußballgeschichte geschrieben. Hier, am Tor zur Oberlausitz, wo der Wolf längst wieder heimisch geworden ist, entschieden Trainer und Präsidium des Bischofswerdaer FV 08 zehn Minuten vor Anpfiff der neuen Sachsenliga-Saison, nicht gegen das neu gegründete Frauenteam von RB Leipzig anzutreten.

Der Anlass für den Boykott: Im Leipziger Kader standen in der Mehrzahl bundesligaerfahrene Ex-Spielerinnen des FFV Leipzig, obwohl RB angekündigt hatte, sein Team mit Talenten aus dem Nachwuchsleistungszentrum zu bestücken.

Die Ursache des Boykotts geht tiefer, sie hat auch mit bundesweiter Sportpolitik zu tun. Seit Jahren debattiert Fußballdeutschland aufgeregt über den RB Leipzig. Der reiche Aufsteiger in die Bundesliga gilt als Retortenklub, ihm wird zudem vorgeworfen, die Statuten der Verbände zu umgehen. Die Verbände wiederum stehen in der Kritik, sich das gefallen zu lassen. Die Rede war bislang immer vom Männerfußball. Seit dieser Saison setzt RB aber auch auf die Frauen. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis der Verein auch dort in der Bundesliga auftaucht.

Der Eindruck, der sich in Bischofswerda und andernorts aufdrängt: Offenbar genießen sogar die Frauen von RB die Privilegien der Fußballverbände. Die Vorwürfe lauten Wettbewerbsverzerrung, Ungleichbehandlung und Täuschung. Und die Basis rebelliert nun dagegen. Bischofswerda ist vielleicht erst der Anfang. Andere Vereine könnten sich dem Boykott anschließen. Die Debütsaison der RB-Frauen würde zur Farce.

Die Vereine ärgert, dass RB Leipzig schon in der Sachsenliga spielen darf. Neue Vereine müssen eigentlich eine Klasse tiefer einsteigen. Die Vereine ärgert auch, dass der Sächsische Fußballverband (SFV), ein DFB-Landesverband, wenig gegen den Eindruck unternimmt, seine eigenen Paragrafen seien ihm nicht wichtig, wenn es um RB geht.

Als Red Bull vor rund drei Monaten seinen Einstieg in den Frauenfußball ankündigte, war die Euphorie beim SFV groß. Der Klub übernahm das Landesleistungszentrum Frauen- und Mädchenfußball vom klammen Zweitligaabsteiger FFV Leipzig. Schon als der österreichische Konzern 2009 sein Leipziger (Männer-)Projekt ins Leben rief, hatte ihn der SFV mit offenen Armen empfangen. Die Gründe sind klar und waren schon damals absehbar. Heute ist Sachsen wieder wer auf der Fußballlandkarte.

Vereine fühlen sich überrumpelt

Die Spitzenförderung sei für den SFV und seine Vereine "eine unheimlich positive Entwicklung", sagt der SFV-Vizepräsident Christoph Kutschker. "Weil wir damit die Möglichkeit haben, auch im Frauen- und Mädchenfußball ein Leuchtturm der Talentförderung zu werden." Alle sächsischen Klubs würden später von der Investitionen profitieren, wie bei den Männern. Tatsächlich trugen frühere RB-Akteure in der vergangenen Saison zu den Aufstiegen der Amateurvereine Lok und Chemie Leipzig bei. Auch Dynamo Dresden oder der Chemnitzer FC haben Ex-Leipziger unter Vertrag.

Mit diesen Argumenten geben sich nicht alle zufrieden. Heiko Kropp sagt, er gehöre nicht zur Fraktion der RB-Hasser. "Aber mir geht es um die Einhaltung der Regularien." Wie der Frauentrainer des TSV 1861 Spitzkunnersdorf denken viele.

Sie fühlen sich auch durch die Art überrumpelt, wie die RB-Frauen in den Wettbewerb eingegliedert wurden. Auf einer Staffeltagung Anfang Juli ließen die SFV-Funktionäre kurzerhand darüber abstimmen, eine Spielvereinigung aus Leipziger FC 07 und RB Leipzig in die Sachsenliga aufzunehmen. Dies wurde mit dem Argument begründet, den Talenten des von RB übernommenen Landesleistungszentrums bessere Konkurrenz zu bieten als eine Liga tiefer.

Der Antrag fand nach einer kurzen Debatte, in der vom Verband nur vier Wortbeiträge erwünscht waren, und trotz sportrechtlicher Bedenken eine knappe Mehrheit. Das SFV-Präsidium beschloss, die Sachsenliga aufzustocken. Drei schriftliche Proteste wurden später abgewiesen – wegen Formfehlern.