Thomas Bach wird hoffen, dass Russland am ersten Wochenende nicht viele Medaillen gewinnt. Eigentlich ist er russlandfreundlich, um nicht zu sagen, russlandabhängig. Doch sollten die Russen gleich den Medaillenspiegel anführen, könnten die Olympischen Spiele schon nach wenigen Tagen zur traurigen Lachnummer werden.

Wenn sie es nicht schon längst sind. Wie lange nicht mehr begegnet die Welt selbst am Tag der Eröffnung Olympischen Spielen mit Missmut. Und wie lange nicht mehr schlug einem IOC-Präsidenten so viel Skepsis und Kritik entgegen. Rio ist eine Prüfung für Bach und am Ende könnte er als derjenige in die Geschichte eingehen, mit dem die olympische Idee verendete.

Das hat mit der historischen Entscheidung zu tun, die er treffen musste: Sollte er Russland, das mithilfe seiner Regierung und seines Geheimdienstes jahrelang nach Staatsplan kriminell gedopt hatte, von den Spielen ausschließen? Sicher, das war keine leichte Entscheidung, aber auch gemessen daran werten viele Bachs Urteil als eine juristische wie moralische Katastrophe. Und seine Weigerung, die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa an den Start zu lassen, halten selbst viele seiner Verbündeten für eine Schande.

Bach ist ein klassischer Sportpolitiker. Gut im Beschwichtigen, im Vernetzen, im Zusammenspiel mit Oben. Er weiß, wo die Leiter steht. Mindestens genauso gut ist er im Treten nach unten, wie gegen "Verräter" wie Stepanowa. Er mag vielleicht nicht "Teil des Dopingsystems" sein, wie Robert Harting sagte. Er ist vielleicht nicht mal "ein schlechter Mensch", wie die Süddeutsche Zeitung die Herren der Ringe beschreibt. Man könnte es schlicht Pech nennen, dass der Fall Russland in seine Präsidentschaft fiel. Dass es ihn traf, dieses Urteil fällen zu müssen.

Vielleicht ist es nur Pech für Bach, dass die Welt nun sehen kann, wofür der deutsche IOC-Präsident steht: außer Karriere für nichts.

Seine Entscheidung hat viele brüskiert: die, die seit langer Zeit gegen Doping kämpfen, viele Fans und Zuschauer, vor allem die sauberen Athleten, denen er zu verstehen gab, dass sie ihm nicht so wichtig sind wie die Gunst Wladimir Putins. Klar, die Russen sind nicht die einzigen, die dopen. Die Amerikaner, Kenianer und viele andere tun es sicher auch. Auch sie klauen Bonbons. Aber die Russen wurden mit dem Finger in der Dose erwischt.

Der Mc-Laren-Report der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, der sich mit dem russischen Betrug befasst, geht von rund tausend vertuschten positiven Proben aus, von fast zehntausend vernichteten. Zwanzig von achtundzwanzig olympischen Sommerdisziplinen waren involviert, mindestens. Russland hat gegen die Olympische Charta verstoßen, auf die sich Bach immer beruft.

Schon die Spiele von Sotschi, von Bach hochgepriesen, waren ein einziger Pfusch. Russland gewann die Medaillenwertung. Russland hatte durch ein Loch in der Wand des Anti-Doping-Labors Proben ausgetauscht. Russland hat den Rest der Welt an der Nase herumgeführt. Putin, der während der Spiele die Annexion der Krim vorbereitete, hat Bach nach allen Regeln der Kunst verarscht. Selbst jetzt noch werden Dopingfahnder in Russland an der Arbeit gehindert.