ZEIT ONLINE: Matthias Düllberg, ein Fan des 1. FC Köln hatte im Februar 2014 einen Böller in den Unterrang des Kölner Stadions geworfen und sieben Menschen verletzt. Er wurde daraufhin bestraft, der 1. FC Köln wurde vom DFB bestraft. Einen Teil der DFB-Strafe, 30.000 Euro, will sich der 1.FC Köln vom Täter zurückholen. Heute fiel ein grundlegendes Urteil, das alle Bundesligavereine freuen wird. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat entschieden, dass dies grundsätzlich erlaubt ist. Was bedeutet das?

Matthias Düllberg: Vereinfacht hat der BGH heute gesagt, dass aus dem Ticketkauf die Pflicht entsteht, Spiele nicht zu stören. Auch der DFB bestraft die Vereine deswegen: Weil Anhänger eines Vereins den Spielbetrieb stören. Das ist aus juristischer Sicht das Interessanteste, dort hat sich der BGH heute deutlich positioniert. Was der BGH nicht gesagt hat: ob die Vereine das Recht haben, die volle Strafe, die sie vom DFB bekommen, vom Fan zurückzufordern. Damit wird sich nun das Oberlandesgericht (OLG) Köln, die Vorinstanz, erneut beschäftigen müssen. Dann wird es auch um die Schadenshöhe gehen. Ob der Böllerwerfer am Ende die kompletten 30.000 Euro zahlen muss, ist nicht klar.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von dem Urteil? 

Düllberg: Für eine detaillierte Bewertung sollte man die schriftliche Begründung abwarten. Es ist ein sehr weitreichendes Urteil in einem komplexen Verfahren, doch sicher ist seit heute: Vereine können sich bei ihren Ansprüchen auf den Zuschauervertrag, der mit dem Ticketkauf geschlossen wird, stützen, und die DFB-Strafe vom Fan zurückfordern. Falls der identifiziert ist. Zu den weiteren Voraussetzungen wird sich das OLG Köln noch mal äußern müssen. Darüber hinaus bleibt meine grundsätzliche Kritik: Strafe setzt Schuld voraus. Wenn der Verein  nichts falsch gemacht hat, wie kann der DFB ihn dann bestrafen? Der DFB bestraft bisher verschuldensunabhägig, weil er an den einzelnen Fan nicht herankommt. Dazu hat sich der BGH nicht geäußert. 

ZEIT ONLINE: Künftig werden identifizierte Täter also doppelt bestraft?

Düllberg: Im Grunde genommen schon. Was in der Debatte ja gerne verkannt wird: dass Fans auch unabhängig vom DFB bestraft werden. Werden Täter überführt, erhalten sie durch ordentliche Gerichte ihre Strafe. Hinzu kommt vielleicht noch Schmerzensgeld. Im Fall des Kölner Böllerwerfers waren das 4.000 Euro. Darüber hinaus kommt nun auch noch die Verbandsstrafe. Die Staatsanwaltschaften sind nicht zimperlich. Dort aber bleibt es für Täter unklar, mit welcher Strafe sie rechnen müssen, wenn sie Böller werfen oder Pyrotechnik zünden. 

ZEIT ONLINE: Der DFB bestraft seine Vereine, wenn sich deren Fans nicht benehmen. Pyrotechnik, Platzstürme, Flitzer: Die Vergehen sind gelistet, nur die Höhe der Strafen mutet willkürlich an. 

Düllberg: Der DFB hat keinen transparenten Sanktionskatalog. Wäre man gemein, könnte man sagen, er würfelt die aus. Das Strafmaß des DFB reicht von wenigen hundert Euro bis zu hohen fünfstelligen Beträgen. Geworfene Feuerzeuge und Plastikbecher können mal teurer sein als Pyrotechnik, mal aber auch nicht. Der DFB bewertet die Vereine danach, wie häufig sie bereits auffällig geworden sind und was sie bislang an Präventivarbeit geleistet haben. Jedes Mal, wenn eine Pyrofackel brennt, müsste der DFB dies aber individuell bewerten, um ein zulässiges Strafsystem zu haben. Kritikwürdig ist auch, dass sich die Verbandsstrafen anhand der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Vereine berechnen. Umgelegt wird das aber künftig auf eine Einzelperson. Ist das fair?

ZEIT ONLINE: Der 1. FC Köln wollte ein Grundsatzurteil, bekam das jetzt und scheint zufrieden. Auch der DFB wertet es als "beachtlichen Erfolg". Er setzt auf täterorientiertes Vorgehen und will die Einzelpersonen, die sich fast immer vermummen und nicht zu identifizieren sind, hart bestrafen, um abzuschrecken. Wird dieser Plan aufgehen? 

Düllberg: Ich bin skeptisch. Das Problem der mangelnden Identifizierung bleibt. Ich glaube nicht, dass ab sofort mehr Fans Hinweise auf mögliche Täter geben werden. In den geschlossenen Fangruppen wird man eher noch vorsichtiger sein, wenn es um die eigenen Leute geht, da neben einem Stadionverbot nun auch die wirtschaftliche Existenz bedroht ist. Die vom DFB erhofften Effekte werden womöglich nicht eintreten.

ZEIT ONLINE: Künftig werden sich die Vereine auf das BGH-Urteil berufen und DFB-Strafen von ihren Anhängern einfordern. 

Düllberg: Wenn sie die denn finden. Ein weiteres Problem könnte sich bei den Selbstanzeigen ergeben. Nehmen wir einen Bierbecherwerfer, der seine Fehlverhalten einsieht und sich selbst anzeigen möchte. Wird er das nun häufiger tun, wenn er weiß, dass ihm als Strafe mitunter ein ganzes Jahresgehalt droht? Oder wenn er gar nicht weiß, ob der DFB 2.000 oder 10.000 Euro fordert? Ich habe meine Zweifel. 

ZEIT ONLINE: Nun hält sich das Mitleid mit einem Fan, der betrunken einen Böller in eine Menschenmasse wirft, in Grenzen. Pyrotechnik aber muss nicht zwangsläufig zu Verletzungen führen. Gibt es Alternativen zur DFB-Strategie?

Düllberg: Die Strafgesetze waren auch vorher schon da, störende Fans werden auch jetzt schon bestraft. Böllerwürfe waren vorher verboten und sind es nach wie vor. Ich denke, dass es vor allem verbale Abrüstung bräuchte. Es ist kein rein juristisches Problem.