ZEIT ONLINE: Herr Treutlein, Sie haben am Freitag den Ethikpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOBS) bekommen. Für Ihr Engagement in der Dopingprävention. Freuen Sie sich?

Gerhard Treutlein: Schon, aber es müsste noch viel mehr geleistet werden. Das Geld dafür fehlt. Dringend müssen mehr Experten ausgebildet werden. Das forderte ich auch am Ende meiner Rede bei der Preisverleihung.

ZEIT ONLINE: Der Kampf gegen Doping wird mit dem Gesetz, der Staatsanwaltschaft, der Polizei und harten Strafen geführt. Was kann die sanfte Wissenschaft der Pädagogik leisten?

Treutlein: Sie kennen das. Es ist einfacher über Skandale zu berichten. Die sogenannten Top-Down-Strategien, unter die Ihre Beispiele fallen, sind öffentlichkeitswirksamer. Meine Arbeit für die Deutsche Sportjugend (DSJ) fällt in den Bereich der Bottom-Up- Strategien. Die Jugendlichen tauschen sich aus und beeinflussen sich gegenseitig. Das ist nichts, was man direkt sieht. Aber der Effekt ist trotzdem wichtig.

ZEIT ONLINE: Das heißt Doping ist auch eine Bildungsfrage?

Treutlein: Ja. In Kanada gibt es beispielsweise das Fach Health Education von Klasse eins bis zehn. In diesem Fach wird über Drogen, Schmerzmittel, Nahrungsergänzung und Dopingmittel gesprochen. In Deutschland gibt es dazu kein Pendant. Wir bräuchten so ein Fach Gesundheitserziehung, in dem es um gesunde Lebensführung geht und darum, wie wir unsere Zukunft gesund gestalten.

ZEIT ONLINE: Also gehört der Kampf gegen Doping auch in die Schule?

Treutlein: Ja, wenn man den Begriff Doping in diesem Unterrichtsfach nicht so eng fasst. Alle Mittel, die leistungssteigernd wirken, müssten vorkommen. Ich meine damit auch Schmerzmittel wie Paracetamol, das die Leber schädigt. Es sollte ein Bewusstsein dafür entstehen, dass leichte Kopfschmerzen nicht gleich mit solchen Mitteln bekämpft werden müssen.

ZEIT ONLINE: Wieso wird so ein Fach nicht eingeführt?

Treutlein: Ich weiß es nicht. In der Grundschule ist der Ansatz von gesundem Kochen und Essen, einer gesunden Lebensführung also, schon vorhanden. Doch in der Sekundarstufe I wird das nicht fortgeführt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit Prävention in den Sportvereinen aus?

Treutlein: In den meisten Vereinen wird nichts gemacht. Wenn, dann hängt es stark von Personen ab. Es gibt einen ehemaliger Kugelstoßer, der seine Athleten auf Versuchungssituationen, sowie die Wirkung und Nebenwirkungen von Doping, vorbereitet. Weil er die Problematik selbst erlebt hat. Von diesen Leuten gibt es nicht viele. Es ist dringend notwendig, das Problembewusstsein an der Basis zu schulen. Außerdem ist es wichtig, Präventionsspezialisten auszubilden. Alle meine Anträge dazu wurden jedoch abgelehnt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Dopingprävention konkret aus?

Treutlein: Es gibt verschiedene Ansätze. Die Nationale Anti Doping Agentur (Nada) und die Fachverbände informieren über den Ablauf von Kontrollen und Strafen, selten mehr als das. Das Geld wird in immer strengere Kontrollen gesteckt. Das ist keine Prävention. Wenn wir mündige Sportler haben möchten, müssen sie lernen zu reflektieren und zu argumentieren. Wie reagiere ich, wenn jemand anderes dopt? Wie treffe ich sinnvolle Entscheidungen? Das sind die Fragen. Es muss ein Bewusstsein entstehen, dass man selbst verantwortlich für seine Entscheidung ist.

ZEIT ONLINE: Was könnte die Nada besser machen?

Treutlein: Die Abteilung Prävention der Nada macht gute Arbeit, aber das Aufgabengebiet ist viel zu groß. Des weiteren: Es gibt keine humanen Methoden bei Dopingkontrollen. Es schaut immer jemand zu, Sportler müssen stets angeben, wo sie sich aufhalten. Wenn das so weiter geht, sind wir bald bei Orwell 1984. Die Kontrollen müssen Grenzen haben. Statt auf verstärkte Kontrollen zu setzen, sollte man lieber nur halb so viele durchführen. Die andere Hälfte des Geldes könnte dann in die Forschung und Prävention fließen. So erreicht man die Jugendlichen deutlich früher und sie sind nicht erst im Spitzensport damit konfrontiert.

ZEIT ONLINE: Gibt es bereits Seminare zu einer so gestalteten Dopingprävention?

Treutlein: Es gibt von der DSJ zwei Wochenendseminare im Jahr. Die Veranstaltungen sollen das Problembewusstsein schärfen. Da entwickelt sich langsam etwas von der Basis her, die Seminarteilnehmer führen die Arbeit dann fort. Interessant ist zu beobachten, wer seine Leute schickt und wer nicht.

ZEIT ONLINE: Wer denn?

Treutlein: Judo und Basketball zum Beispiel, aber auch die Leichtathletik, obwohl der Leichtathletikverband selbst etwas in Gang gebracht hat. Vom Fußball und Handball kommt fast niemand.