Mailand war einmal die Fußballhauptstadt Europas. Insgesamt zehnmal haben die beiden großen Clubs der Stadt, Inter und AC, die Champions League gewonnen, sechzehnmal standen sie im Endspiel. Doch in den vergangenen Jahren schafften es die Clubs nicht einmal, sich für die Gruppenphase zu qualifizieren. Seit Mai ist die spanische Hauptstadt Madrid vorne. Real und Atlético spielten ihr Champions-League-Finale ausgerechnet im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion.

Mailand war auch die Stadt der Gönner und Mäzenen. Massimo Moratti bei Inter und Silvio Berlusconi beim Stadtrivalen AC Mailand öffneten über Jahre ihren eigenen Geldbeutel, um Club und Fans eben jene Erfolge zu garantieren. Im Hause Moratti war das Familientradition, schon Massimos Vater Angelo führte Inter in den Sechziger Jahren zu zahlreichen Triumphen. Berlusconi unterstellten viele dagegen politisches Kalkül. Im Wahlkampf posierte der ehemalige italienische Premierminister nur zu gerne mit Pokalen zur Schau. Doch das klassisch-italienische Mäzenatentum ist überholt. Zwar mussten weder Moratti noch Berlusconi jemals Hungersnöte leiden, ihnen machten die Finanzkrise sowie die schwache italienische Konjunktur aber spürbar zu schaffen. Die Ära der Patriarchen ist zu Ende.

Beide Vereine haben künftig neue Eigentümer aus China. Ein notwendiger Schritt, um wieder bei den ganz Großen mitspielen zu können. Der ehemalige Inter-Präsident Moratti hatte diese Einsicht bereits vor drei Jahren, damals verkaufte er die Mehrheit seiner Anteile am Club an den indonesischen Investor Erick Thohir. In den Jahren zuvor, jenen nach dem Triple-Sieg von 2010, nahmen Morattis Investitionen in Spielertransfers deutlich ab. Mit dem neuerlichen Einstieg der Chinesen besitzt der Öl-Tycoon zum ersten Mal seit 1995 keinerlei Beteiligung mehr an seinem liebsten Familienerbstück.

Alles aus Liebe

Auch Berlusconi gab Anfang August bekannt, dass er beim AC Milan bald vollständig abtreten wird. Nach 30 Jahren und 28 Trophäen verkauft er den Club an eine chinesische Investorengruppe um den Geschäftsmann Yonghong Li, bis Ende des Jahres müssen die italienischen und chinesischen Behörden noch ihre Zustimmung geben. Das Konsortium übernimmt laut Mitteilungen 99,93 Prozent am Traditionsverein. Die Übereinkunft werde mit 740 Millionen Euro bewertet, mit geschätzten Schulden von rund 220 Millionen Euro.

Via Facebook teilte Berlusconi die Notwendigkeit des Verkaufs mit: "Vor 30 Jahren kaufte ich den AC Milan aus Liebe, nun verkaufe ich ihn in einem Akt noch größerer Liebe." Er vertraue den Verein einer Gruppe mit den erforderlichen Ressourcen an, die bereit sei, diese zu investieren, um wieder mit den großen internationalen Clubs konkurrieren zu können. Das ließ sich der 79-Jährige in einem Vorvertrag zusichern. Die neuen Eigentümer verpflichten sich demnach, in den ersten drei Jahren insgesamt 350 Millionen Euro in die Mannschaft zu investieren. Hundert Millionen werden zum Zeitpunkt des Kaufs fällig.

Bereits seit Mitte Juli gehört der Stadtrivale Inter der Suning Holdings Group. Der Einzelhandelsriese zahlte Mitte Juni 270 Millionen Euro für 69 Prozent der Anteile, 31 Prozent verbleiben bei Erick Thohir, der künftig auch Präsident sein wird. Aufmerksamkeit erregte der Konzern bereits bei der chinesischen Transferoffensive im vergangenen Winter. Mit Jiangsu Suning F.C. unterhalten die Neuen bei Inter auch eine Mannschaft in der chinesischen Super League. Für den Hausclub gaben sie über 100 Millionen Euro für internationale Topspieler wie die Brasilianer Alex Teixeira von Shakhtar Donezk oder Ramires vom FC Chelsea aus.

Ein Traditionsclub als Marketinginstrument

Kopf der Suning-Investitionen in den Fußballsport ist Zhang Jindong. Nach Abschluss der Verhandlungen sprach er gegenüber Bejing News über die Gründe des Konzerns, bei einem italienischen Verein einzusteigen: "Der Kauf wurde anhand von zwei Überlegungen getätigt. Zum einen hat der Fußball viele Fans und Suning möchte eine Beziehung zu potenziellen Konsumenten aufbauen. Zum anderen kann sich unsere Marke auf dem europäischen Markt etablieren, sobald wir hier Beziehungen zu Clubs und Spielern aufgebaut haben."

Inter dient den Chinesen also vor allem als Marketinginstrument. Vor dem ersten Heimspiel der Saison stellte sich Suning mit einem minutenlangen Video im Stadion vor, auf den Werbebanden leuchteten hauptsächlich das Logo der neuen Eigentümer und chinesische Schriftzeichen auf. Kein Platz mehr für Romantik, die langjährige Tradition der Familie Moratti musste der Konkurrenzfähigkeit weichen. Das spürt man aber auch auf dem Transfermarkt: Für über 100 Millionen Euro verpflichtete Inter Mailand neue Spieler, unter anderem den portugiesischen Europameister João Mário (45 Millionen), Olympiasieger Gabriel Barbosa (28 Millionen) oder den italienischen Nationalspieler Antonio Candreva (22 Millionen).

Alle drei waren auch bei anderen europäischen Topclubs begehrt, entschieden sich dann aber bewusst für das neue Projekt in der Lombardei. Nach Jahren der Enttäuschungen ist auch bei den Fans die Euphorie zurückgekehrt, derartige Ablösesummen waren eigentlich ein Relikt aus glorreichen Moratti-Jahren. Für Zhang Jindong ist das lediglich der Anfang, noch ist der Verein den Restriktionen des Financial Fairplay unterworfen. Alle Transfers wurden in Absprache mit der Uefa getätigt, die Inter eigentlich einen Sparkurs vorgeschrieben hatte. Zum Ende des Geschäftsjahres 2016 ist den Nerazzurri ein maximales Bilanz-Minus von 30 Millionen Euro gestattet, nächstes Jahr erwartet der europäische Fußballverband die schwarze Null. Wird dieses Ziel nicht erreicht, drohen Sanktionen wie Geldstrafen bis zu einem Ausschluss aus dem Europapokal.