Kai Görs läuft durch die Ziellinie, er reißt seine Arme in die Luft. Die bunten Armbänder an seinen Armen zucken bei jeder Bewegung leicht. Ein paar Meter weiter greift er nach einem Plastikbecher mit Wasser und kippt ihn in Sekunden runter. Auf dem Bündchen seiner Socken steht die Sehnsucht vieler Hobbyläufer grün auf schwarz: 42,195km. Wer einen Marathon schafft, ist ein Mal im Jahr ein Star.

Marathonlaufen ist zum Volkssport geworden, Laufgruppen ersetzen Sportvereine. 42 Kilometer Erlebnis. Bernd Hübner, der Gründer der Laufgruppe, in der Kai Görs trainiert, erinnert sich an den ersten Berlin-Marathon 1974. Damals gingen 286 Läufer an den Start. Dieses Jahr liefen 41.224 Läuferinnen und Läufer. Der Äthiopier Kenenisa Bekele lief die zweitschnellste jemals gelaufene Zeit, 2:03:03, sechs Sekunden vorbei am Weltrekord. Kai Görs lief 5:55:43 und man weiß nicht, wer sich mehr freut: Görs oder Bekele, der sechs Sekunden am Weltrekord vorbeischrammte.

"Sobald der Startschuss fällt, genieße ich nur noch"

"Ich bin eher der gemütliche Läufer", sagt Görs und man sieht es. Sein Gesicht ist rundlich, ein bisschen Bauch ist da. Görs, 39 Jahre alt, trägt ein rotes Shirt und eine Sonnenbrille, seine Haare sind stoppelkurz. Er ist nicht der typische drahtige Marathonläufer. Passend dazu wird er morgens von Laufkollege Markus mit "Kai, du fauler Hund!" begrüßt. Aufmunternd klopft Markus ihm auf die Schulter. Er weiß, dass Kai aufgeregt ist. Es ist ein besonderer Lauf für ihn. Der Zehnte. Wenn er im Ziel ankommt, hat er für immer einen Startplatz beim Berlin-Marathon sicher. In Berlin, wo die Startplätze verlost werden, ein Privileg.

Doch so weit ist es noch nicht. Der morgendliche Fototermin mit dem Lauftreff Bernd Hübner steht an. Etwa sechzig Läufer in roten Trikots versammeln sich um halb acht vor dem Brandenburger Tor. Der eine oder andere hechtet aus der U-Bahn-Station direkt ins Foto. Görs ist pünktlich, auf der Fahrt zum Treffpunkt hat er Musik gehört, Whitney Hustons One Moment in Time. Wo andere sich mit Techno pushen, bleibt Görs gelassen. Nach dem Foto werden alle langsam unruhig, auch Kai Görs nestelt an den blauen Bändern seines durchsichtigen Beutels. Er und seine Laufkollegen stellen sich an, um die Sachen abzugeben. Die Läufer bilden eine lange Reihe, wie Ameisen, die in den Bau wollen. "Sobald der Startschuss fällt, fange ich an zu grinsen und genieße nur noch", sagt er. Ein Gefühl, das viele Marathonläufer kennen.

Der Sportlehrer als Vorbild

Bei Görs war das nicht immer so. Seine Marathongeschichte verlief wechselhaft. 1992, mit 15 Jahren, läuft Görs seinen ersten Marathon. Sein Sportlehrer entdeckte sein Talent und lief mit ihm zusammen den Berlin-Marathon. 1993 noch mal. In seinem Sportlehrer hatte er ein Vorbild und jemanden, der ihn unterstützte, gefunden. "Wir bleiben beim Lauf immer zusammen", waren seine eindringlichen Worte. Wenn Görs von ihm erzählt, hört man heraus, dass es nicht viele Leute gab, die so an ihn glaubten. Persönliche Bestätigung zieht er seitdem aus dem Marathonlaufen.

Mit 17 Jahren folgte die erste große Pause. Görs wog nach der Bundeswehrzeit 30 Kilogramm mehr. Die mussten wieder weg. Görs trainierte, nach neun Monaten war er die Kilos wieder los. 2000 und 2001 lief er erneut den Marathon. Das Laufen war sein Diätprogramm. Rückenschmerzen, Pause. 2009 war er als Helfer beim Marathon, verteilte Wasser an die Läufer. Der Entschluss: Ich probiere es wieder. 2010, bereits angemeldet, wurde er nicht rechtzeitig fit und entschied sich gegen einen Start. Seit 2011 ist er nun jedes Jahr dabei. Der Marathon ist zu einer Droge geworden. Er läuft ihn nun zum zehnten Mal.