ZEIT ONLINE: Frau Ohlert, die Nominierung des neuen Kapitäns der Nationalmannschaft, Manuel Neuer, wird breit diskutiert. Sie haben sich wissenschaftlich mit der Rolle des Kapitäns beschäftigt. Ist der Kapitän überhaupt noch so wichtig?

Jeannine Ohlert: Aus meiner Sicht nicht. Wenn man sich die Forschung anschaut, sieht man, dass es nicht eine Person gibt, die das Team anführt. Es führen stattdessen verschiedene Personen, die in einem Team verschiedene Rollen ausfüllen.

ZEIT ONLINE: Deshalb trägt Ihre Publikation auch den Titel"Wir brauchen gar keinen Kapitän...!"

Ohlert: Die Überschrift diente als Aufhänger. Wir haben uns nicht ausschließlich mit dem Kapitän beschäftigt, sondern mit Team-Prozessen und Gruppenzusammenhalt im Sport. Unsere Publikation bezieht sich vor allem darauf, dass man verschiedene Aspekte des Zusammenhalts und der Struktur in einem Team häufiger überprüfen und hinterfragen sollte.  Zudem konnten neue Forschungsergebnisse aus Belgien zeigen, dass es in der Mannschaft vier verschiedene Führungspositionen gibt, zwei eher auf dem Platz und zwei eher neben dem Platz.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Positionen?

Ohlert: Auf dem Platz gibt es einen motivationalen Anführer. Das ist die Person, die im Spiel den anderen in den Hintern tritt. Wenn das Team nachlässt und das Spiel gerade nicht läuft, ist er derjenige, der die anderen antreibt. Der aufgabenbezogene Anführer dagegen achtet darauf, dass die Taktik eingehalten wird. Er redet und sortiert viel. Bastian Schweinsteiger kann man sich da zum Beispiel gut vorstellen. Von außen betrachtet dirigiert er die Leute auf dem Spielfeld herum. Ob er auch der ist, der die anderen motiviert, kann ich nicht gut einschätzen. Die Forschung hat gezeigt, dass nicht eine Person für alle Aufgaben zuständig ist.

ZEIT ONLINE: Welches sind die übrigen beiden Typen?

Ohlert: Neben dem Platz gibt es den sozialen Anführer, so ein Lukas Podolski zum Beispiel. Der soziale Anführer hält die Mannschaft außerhalb des Feldes zusammen, sorgt dafür, dass alle eingebunden sind und sich wohl fühlen. Und dann braucht jede Mannschaft noch eine Person, die das Team nach außen vertritt. Diese Person geht häufig vor die Presse oder verhandelt mit dem Trainer.

ZEIT ONLINE: Gibt es diese verschiedenen Anführer in jedem Team?

Ohlert: Ja, diese sogenannten informellen Führungspersonen gibt es im Grunde in jedem Team. In der Regel sind die Aufgaben auf verschiedene Personen verteilt. In ganz seltenen Fällen übernimmt eine Person alle Aufgaben.

ZEIT ONLINE: Ist die offizielle Bezeichnung Kapitän dann nicht überflüssig? Hat die Mannschaft auf dem Platz etwas vom Kapitän?

Ohlert: Das Witzige ist, dass bei der belgischen Untersuchung herauskam, dass der Kapitän häufig keine dieser vier Funktionen inne hat. Er ist weder der motivationale Anführer noch der aufgabenbezogene, soziale oder externe Anführer. Das heißt, die offizielle Funktion des Kapitäns hat nichts damit zu tun, wie das Team informell zusammenhält. Das Team bildet eine eigene Struktur. Einen Kapitän braucht man nur noch für die offiziellen Funktionen. Er muss vor dem Anstoß zum Schiedsrichter Hallo sagen und Wimpel austauschen. Aber ich bin nicht sicher, ob der Kapitän, wenn er keiner der vier Anführer ist, auf dem Platz wichtig für die Mannschaft ist. Ich glaube, eher nicht.