Wäre die Sache mit dem Patriotismus nicht so ernst, könnte man sagen, er wäre wie Bier: In jedem Land schmeckt er anders. Wer in Deutschland gesteht, ein Patriot zu sein, muss sofort hinterherschieben, unverkrampft zu sein, sonst riskiert er den Vorwurf, zu deutsch zu sein. In den USA ist das anders. Verdächtig ist, wer nicht sagt, wie sehr er sein Land liebt. Patriot und Bürger meint in den USA im Grunde das Gleiche. Deshalb wird gerade dort so intensiv wie selten darum gerungen, was man eigentlich darf, als Patriot.

Schuld ist ein Footballspieler. Colin Kaepernick ist Quarterback, der Spielmacher der San Francisco 49ers. Er führte sein Team 2013 fast zu einer Meisterschaft, mittlerweile sitzt er nur noch auf der Bank. Doch das ändert nichts daran, dass er eine Debatte ausgelöst hat, die nun seit fast einem Monat das Land beschäftigt.

Kaepernick sagt: "Ich liebe Amerika", und man könnte meinen, dass er damit innerhalb des erlaubten Patriot-Sein liegt. Während die anderen NFL-Spieler während der Hymne stehen und die Hand aufs Herz legen, kniet Kaepernick seit drei Wochen jedes Mal, wenn The Star-Spangeld Banner vor Spielbeginn läuft. Viele werfen ihm deswegen Landesverrat vor. Kaepernick testet die Grenzen des Patriotismus. Was ist das: patriotisch sein? Und was darf jemand tun, wenn er sagt, er sei ein Patriot?

Es gibt in den USA nur wenige Dinge, mit denen der Patriotismus enger zusammenhängt als mit dem Sport. In deutschen Fußballstadien läuft die Vereinshymne, in der NFL die Nationalhymne. Das Verteidigungsministerium unterstützt den Sport mit Millionen Dollar. Am Rande von Spielen werden emotionale Familienzusammenführungen heimkehrender Soldaten inszeniert. NFL-Spiele nur als Sport zu sehen, wäre eine Untertreibung. Es sind Bekenntnisse zur Nation und ihren Werten.

Doch jene Werte scheinen nicht universell zu gelten, so sieht das Kaepernick. Man muss sich die letzten Sekunden im Leben von Terence Crutcher ansehen, um zu verstehen, worum es geht. Der 40-jährige aus Tulsa (Oklahoma) ging während einer Polizeikontrolle mit erhobenen Armen auf sein Auto zu. "Zeit für den Elektroschocker, denke ich", sagte der Polizist Tyler Tornbow, danach ist Terence Crutcher tot, statt Schocks gab es einen Schuss aus der Pistole. Er war unbewaffnet, er war Vater von vier Kindern, aber vor allem war er schwarz und der Polizist weiß.

Das war am vergangenen Freitag. Am Dienstag erschossen Polizisten den schwarzen Keith Scott in Charlotte. Noch ist nicht klar, ob Scott eine Pistole oder ein Buch trug. Er ist jedoch der bisher letzte Tote auf einer länger werdenden Liste von Schwarzen, die von US-Polizisten erschossen wurden. #SandraBland, #TamirRice, #WalterScott und nun #TerenceCrutcher: Hashtags wurden seit Monaten zu Protestbannern einer Bewegung, die seit Ende August eine Symbolfigur hat: Colin Kaepernick.

"Ich kann keinen weiteren Hashtag mehr sehen", sagte der. "Ich werde nicht für ein Land aufstehen, das Schwarze unterdrückt. So lange, bis sich daran etwas ändert." So begann er seinen Protest Ende August. Dass Terence Crutcher nun tot ist, könnte wie ein Verstärker für die ohnehin schon sehr laut geführte Debatte wirken.

Kaepernick will grundlegende Veränderungen. Und bekommt Unterstützung. Seit er Ende August zum ersten Mal protestierte, haben sich einige Spieler seinem Protest angeschlossen. Brandon Marshall vom amtierenden Meister aus Denver machte mit und verlor prompt zwei Sponsoren, gewann aber auch einen neuen hinzu. Vier schwarze Spieler der Miami Dolphins knieten während der Hymne gemeinsam, sechs andere aus Kansas, New England und Tennessee streckten die Faust in die Luft, wie Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968. Selbst diejenigen, die Kaepernick mit seinem Protest angeblich entehrt, machen mit: Kriegsveteranen solidarisierten sich unter #VeteransforKaepernick. Andere meinen, er sage das Richtige, habe mit dem Hymnenprotest aber die falsche Form gewählt.