Volkssportarten gibt es vielerlei. Zu den beliebtesten in deutschen Landen gehört seit Jahren das Schmähen des Rasenballsportclubs Leipzig. Nichts eint uns mehr als ein gemeinsamer Feind. Und über alle Club- und Regionalgrenzen hinweg stellt RB Leipzig den kleinsten gemeinsamen Hassnenner der Fußballrepublik dar. Kein Auswärtsspiel der Sachsen, bei dem sich die empfangende Fanszene nicht verpflichtet fühlte, mit den ihr eigenen Mitteln gegen die schiere Existenz des "Retortenclubs" zu protestieren.

Ihren gewiss nur vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Dynamik vergangenen Sonntag in Köln, als eine junge Horde von – je nach Lageeinschätzung – 50 bis 250 FC-Fans dem Mannschaftsbus der Leipziger per Sitzblockade die Zufahrt zum Stadion verunmöglichte. Sichtbarste Folge dieser – strafrechtlich wohl als Nötigung einzuschätzenden Handlungsweise – war, dass die Partie erst mit einer Verspätung von 15 Minuten angepfiffen werden konnte. Bereits in der Innenstadt war der Leipziger Mannschaftsbus mit Eiern beworfen worden. Und nach Spielende wurden die Reifen von mindestens sieben Kleinbussen mit Leipziger Kennzeichen zerstochen. Woher der Hass?

Was ist RB Leipzig?

Nehmen wir uns zunächst die Zeit, das Offensichtliche festzuhalten: Das Projekt und Konstrukt RB Leipzig e.V. ist in der hiesigen Vereinslandschaft ein ungewöhnliches. An der Legalität seines Aufbaus bestehen bis heute berechtigte Zweifel. An seiner existenziellen Zielsetzung hingegen nicht. RB Leipzig ist ein lupenreiner Werbeverein. Seine Kernfunktion besteht darin, der Firma, die ihn zu 99 Prozent besitzt und kontrolliert, als aufmerksamkeitsökonomischer Köder für ein global erfolgreiches Stimulierungsgetränk mit seicht synthetischem Himbeergeschmack zu dienen. Sämtliche Strukturen und Handlungsweisen des Clubs sind diesem offen sportfremden Ziel ebenso strikt wie demokratiefern untergeordnet. Der gespielte Rasenfußball ist nur ein Mittel zum Vereinszweck, nicht aber dessen Zweck selbst. Die sportliche Wettkampflogik steht in Leipzig ganz explizit hinter der kapitalistischen Konsumlogik zurück.

Genau hierin soll, begreifen wir es recht, aus wahrer Fansicht auch der entscheidende und damit zornspendende Unterschied zwischen Leipzig und dem Rest der Liga bestehen – insbesondere ihrer sogenannten Traditionsvereine: RB Leipzig ist ein verkapptes Dosenunternehmen, die guten anderen Vereine der Liga hingegen sorgsam tradierte, regionale Lebensformen. Die Identität der Leipziger ist vollends artifiziell und entfremdet, die eigene hingegen ganz und gar organisch und authentisch.

Der Hass wird umgelenkt

Wer dies wirklich so glaubt, dem wachsen vor Einfalt bestimmt auch Flügel. Fragen wir mal so: Ist nicht jeder Bundesligaverein heute zunächst und vor allem ein profitorientiertes Wirtschaftsunternehmen? Sind die Grenzen zwischen der finanziellen Unterstützung eines Vereins von außen durch Sponsoren im Gegensatz zu einer interessengeleiteten Sponsorendurchdringung von innen ligaweit wirklich noch klar zu ziehen? Oder erweist sich diese Grenze bei einer Mehrzahl der Vereine nicht ebenfalls als rein imaginär und simuliert? Und schneidet die Produktion von Trinkbrause moralisch wirklich so schlecht ab, wenn man sie mit bekennenden Kükenschredderern, globalen Chemiekonzernen, russischen Staatsbetrieben, manipulierenden Motorbauern oder Supermarktketten vergleicht, die ihre Kassiererinnen über Zeitarbeitsfirmen beschäftigen?

Keine ganz leichten Fragen. Nimmt man sie versuchsweise ernst, legen sie gar die Vermutung nahe, der von Traditionsfans sorgsam kultivierte Hass auf Rasenballsport Leipzig könnte in Wahrheit nichts anders als umgelenkter Selbsthass sein. Psychologisch wäre das übrigens eine allzu bekannte und empirisch bestens etablierte Dynamik: Nirgendwo zeigt sich Fremdenhass brennender als in der Form verdrängten Selbsthasses.