Florian Mayer sitzt vorm Mikrofon, schaut schlecht aus und sagt: "Ich habe heute schlecht ausgeschaut." Eben hatte er sein Einzel im Daviscup mit 2:3 gegen Kamil Majchrzak verloren. Er, der Erfahrene, die Nummer 59 der Welt, gegen den 20-jährigen Polen, Weltranglistenplatz 277. Mayer wirkt abgespannt und erschöpft, und es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass das irgendwie auch für den Davis Cup gilt, ja vielleicht sogar für das gesamte deutsche Tennis.  

Der Davis Cup war mal eine große Nummer. Halb Deutschland saß nachts vor dem Fernseher, als Boris Becker und John McEnroe 1987 in Hartford, Connecticut sechseinhalb Stunden brauchten, um ihren Sieger zu finden. Der damalige Tennisboom traf auf die Liebe der Deutschen zum Mannschaftswettbewerb. An diesem Sonntag dagegen verloren sich gerade einmal 3.000 Zuschauer ins Steffi-Graf-Stadion im Berliner Grunewald. Die Deutschen spielten gegen den Abstieg. Es gab nicht einmal eine Live-Übertragung im Fernsehen.

Die Großen auf dem kleinen Bildschirm

In den Satzpausen war wieder alles wie früher. Da waren die Großen zu sehen – auf einem kleinen Bildschirm am Spielfeldrand. Carl-Uwe Steeb, Eric Jelen, Michael Stich und Boris Becker heben die Trophäe in die Höhe, tanzen im Kreis. In ihren weißen Tennisanzügen wirken sie wie Lichtgestalten des Tennis. Auch im Journal Mybigpoint, das überall ausliegt, sind sie auf einem Poster mit dem damaligen Davis-Cup-Kapitän Niki Pilić abgebildet. Darunter steht: "Das waren noch Zeiten…"

Ja, was waren das noch für Zeiten. Heute ist ein Davis-Cup-Einsatz für so manchen Spieler eher Ärgernis als Ehre. Deutschland bester Tennisspieler Alexander Zverev, 19 Jahre, Weltranglistenplatz 24, sagte vorher ebenso ab wie Philipp Kohlschreiber oder Dustin Brown. Die einen fühlten sich überspielt, die anderen verletzt. Ihrem Sport hilft das nicht. Die Einschaltquoten sind seit Jahren dürftig, auch weil die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr übertragen und viele große Turniere nur noch im Pay-TV zu sehen sind. Der riesige Boom, ausgelöst durch Boris Beckers Wimbledonsieg 1985, ist schon längst vorbei. 1994 waren 2,3 Millionen Menschen im Deutschen Tennisbund organisiert, das war das Spitzenjahr. 2015 waren es nur noch 1,4 Millionen.


Die Besucher in Berlin sehen wenigstens noch nach Tennis aus. Viele der Herren tragen weiße Hemden, die Damen Kleider und große Sonnenbrillen. Teure Uhren blinken in der Sonne. Im Kontrast dazu: Die ausgeblichenen roten Sessel, auf denen sie sitzen. Auch sie haben schon bessere Zeiten gesehen. Immer wieder wird man im Steffi-Graf-Stadion in die Vergangenheit geholt. Und das obwohl die Gegenwart so schlecht gar nicht aussieht. Immerhin stellen die Deutschen die neue Nummer eins im Tennis, Angelique Kerber. Müsste es nach Jahren des Dornröschenschlafs nun nicht einen neuen Boom geben? Oder zumindest Anzeichen eines Aufschwungs? Was ist los mit dem deutschen Tennis?