Was ist passiert?

Adams, das Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), wurde gehackt, mal wieder. Schon im August griffen unbekannte auf die Daten der Whistleblowerin Julija Stepanowa zu. Stepanowa hatte als Kronzeugin in einer ARD-Dokumentation staatlich gelenktes Doping in Russland aufgedeckt und musste aus Russland fliehen. Sportler müssen sich bei Adams anmelden und ihre Aufenthaltsorte sehr detailliert wiedergeben. Für Stepanowa, die sich mit ihrem Ehemann in den USA verstecken muss, äußerst unangenehm. Außerdem werden Ergebnisse der Dopingkontrollen gespeichert. Von vier Sportlern aus den USA wurden die jetzt geleakt: Von den Tennisschwestern Serena und Venus Williams, von der Turnerin Simone Biles und von der Basketballerin Elena Delle Donne. Alle vier sind populäre Sportlerinnen, der Hackerangriff sollte wohl eine große Symbolik haben.

Wer steckt dahinter?

Hacker aus Russland. Die Retter des Sports nennen sich "Fancy Bears" und lassen neben den geleakten Dokumenten einen Bären rumtapsen. Doch die Sache ist ernst. Die US-Regierung hat sich eingeschaltet, weil die gleiche Gruppe auch für den Angriff auf die Parteizentrale der Demokraten im Juni verantwortlich sein soll. Der Cyberwar erreicht jetzt den Sport. Eine Firma, die damals von den Demokraten eingeschaltet wurde, vermutete, dass Fancy Bears im Auftrag des russischen Militärs arbeitet. Ein Sprecher des Kremls verneinte aber bereits jeden Zusammenhang mit der russischen Regierung oder dem Geheimdienst. Offenbar sind die Russen so gekränkt darüber, dass man sie beim Staatsdoping erwischt hat, dass sie der Welt jetzt zeigen wollen, dass auch anderswo beschissen wird. Das stimmt natürlich, doch niemand zeigte sich trotz eindeutiger Belege so uneinsichtig wie Russland. Die Seite der Hacker ist seit dem 1. September online und hat angekündigt, weitere Dokumente, auch aus anderen Ländern, zu veröffentlichen. Wären sie doch in ihrem eigenen Land mal früher aktiv geworden.

Was zeigen die veröffentlichten Dokumente?

Die Hacker sagen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs sei. Die Welt wisse nichts von den vielen amerikanischen Dopern, und das wollen sie nun ändern. Doch was sie bislang veröffentlichten, zeigt keine Dopingvergehen. Von den Williams-Schwestern wurden nur medizinische Ausnahmegenehmigungen (TUE) veröffentlicht, auf denen verschiedene Mittel zu sehen sind. Spitzensportler können eine TUE bei ihrer nationalen Anti-Doping-Agentur zu beantragen. Diese regeln den Gebrauch eigentlich verbotener Substanzen und sind an strenge Regeln geknüpft. Die Substanz darf nicht leistungssteigernd sein und dem Athleten würde es richtig schlecht gehen, wenn er sie nicht nimmt. Von Venus Williams ist seit 2011 bekannt, dass sie am Sjögren-Syndrom, einer Immunerkrankung, leidet. In einem Statement teilte sie mit, dass ihre TUEs von unabhängigen Ärzten anonym geprüft wurden und dass sie diese nur wegen gesundheitlicher Probleme brauche.

Bei der Basketballerin Delle Donne war es ein Ergebnis einer Dopingprobe, in der Amphetamine gefunden wurden und eine Ausnahmeregelung genau dafür. Auch sie gab in einem Statement an, dass sie sich damit an die Wada-Regeln halte. Auch bei Simone Biles finden sich einige TUEs, dazu kommen Ergebnisse von vier Dopingtests, die zwischen dem 11. Und dem 16. August durchgeführt wurden, als sie vier Goldmedaillen gewann. Gefunden wurde Ritalin, ein Mittel, das Biles gegen die Aufmerksamkeitsstörung ADHS einnimmt. Die Leaks zeigen also, außer privaten Daten wie den TUEs, nicht viel. 

Alles okay also?

Nein. Die Dokumente sind trotzdem brisant, sie rücken die TUEs wieder in den Fokus. Sie sind umstritten, Dopingexperten wie Perikles Simon sehen darin eine Einladung zum Doping. Doch sie erfüllen zuerst einen sinnvollen Zweck: Der Gewichtheber Matthias Steiner gewann mit einer TUE 2008 Gold in Peking. Er muss sich  jeden Tag Insulin spritzen, weil er Diabetes hat.

Andere hingegen betrügen mit den TUEs. Allen voran Radfahrer. Einer sagte einer Untersuchungskommission im vergangenen Jahr, dass 90 Prozent der TUEs zum Dopen genutzt werden. Die Tricks sind perfide: Vorgetäuscht wird beispielsweise eine Entzündung im Knie, um sich dann Kortikoide in den Muskel zu spritzen. Nachweisbar ist das im Labor nicht. TUEs sind eine weiche Stelle im Wada-Reglement und natürlich nutzten die Radfahrer auch diese schamlos aus. Nachdem nun die TUEs von Williams und Biles zu sehen sind, fordern einige Experten, das TUE-System komplett abzuschaffen, weil der Dopingverdacht nie komplett beseitigt werden kann.