Ein einziges Mal wurde Carlo Ancelotti beim Spiel in Frankfurt doch aktiv. Vor seiner Coaching Zone kriegten sich Spieler aus beiden Teams in die Haare. Energisch trieb er sie auseinander. Sonst saß er meist auf seiner Bank, obwohl seine Elf ihm viele Gründe lieferte, einzugreifen. Sein Vorgänger Pep Guardiola, der stete Dirigent, hätte viel gefuchtelt und spätestens nach fünf Minuten zwei Mal umgestellt. Der FC Bayern ist Tabellenführer, doch das 2:2 in Frankfurt war das dritte sieglose und das vierte schwache Spiel in Serie. Der Verein führt eine Mentalitätsdebatte, ein sicheres Krisenzeichen.

Guardiola weg, Qualität weg. So ist das, wenn der weltbeste Trainer geht. Bayern spielt wie oft prophezeit. Unter dem Spanier beherrschten die Bayern die größten Gegner, unter Ancelotti hat Bayern selbst gegen Abstiegskandidaten Mühe zu siegen. Bayern wird das Niveau der vergangenen Jahre nicht mehr erreichen. Ancelotti hat, wie alle, nicht das Format von Guardiola. Ancelotti hat aber das Format, einen neuen erfolgreichen Stil zu finden, einen defensiveren, einen italienischen.

Guardiola ist radikale Offensive. Seine Teams verlagern das Spiel in des Gegners Hälfte. Möglichst viele greifen an, laufen, rennen, dribbeln in die relevanten Räume um den Strafraum, in den Strafraum. Sein Ballbesitzfußball ist zweckgebunden. Es kommt nicht auf die Quote an, sondern auf das Wo und Wie. Wichtig ist auch die Organisation, wenn der Ball verloren geht. Seine Elf ist stets ein enges Netz. Das muss sie sein, sonst läuft sie Gefahr, ausgekontert zu werden. Sie muss den meist leeren Raum zwischen Mittellinie und eigenem Tor gedanklich immer mitverteidigen, das sind gut fünfzig Meter.

Was bei den Pep-Bayern einfach und selbstverständlich aussah (und für manche auch langweilig, weil kein deutscher Gegner ihnen gewachsen war), war das Ergebnis von Detailarbeit. Damit die Bayern selbst im Bernabéu Real Madrid an den Strafraum drängen konnten, musste allen im Kader klar sein, dass dem Trainer viele Fragen von großer Bedeutung sind: Welche Richtung, welches Tempo hat ein Pass? Wohin schaut ein Spieler, wie steht er, wohin läuft er, bevor er den Ball annimmt? Tut er immer alles, um die offensivste Lösung zu finden? Nimmt er in jeder Sekunde am Spiel teil? Das, was Mehmet Scholl abschätzig "Fesseln" nennt, nennt Guardiola eine Idee. An ihr feilte er in jedem Training.

Frankfurt war bloß der Tiefpunkt

Ancelotti lässt seinen Spielern wie erwartet eine lange Leine, beim Coaching, auch im Training. Wozu das führt, sah man exemplarisch in zwei Spielen. In Frankfurt standen die Bayern im Vergleich zum Vorjahr näher am eigenen Tor. Sie griffen oft nur mit drei oder vier Spielern an, wie beim ersten Tor. Angriffe wurden oft nicht zu Ende gespielt. Quergeschiebe, Rückpässe, Ballverluste, viele, auch harte Fouls.

Die Innenverteidiger schlugen lange Pässe in die Spitze statt ins Mittelfeld. Die Jungs im Mittelfeld verloren den Kontakt zu ihren Nebenleuten, liefen sich nicht gut frei und öffneten Räume für den Gegner. Die schnelle Ballrückeroberung fiel aus, weil das gesamte Gebilde nun tiefer steht. Joshua Kimmich wurde einmal in zentraler Position angespielt, also dort, wo der Pep-Fußball stattfindet – und passte den Ball in die eigene Hälfte. In der Guardiola-Religion eine große Sünde. Früher verabreichten die Bayern Gegnern neunzig Minuten Stress. Heute dürfen die immer wieder durchschnaufen.

Die Spielanteile waren ausgeglichen. Zwei Mal glich die Eintracht aus, ein Mal sogar in Unterzahl. Nach Torschüssen gewann die Eintracht, eine Mannschaft, die sich vor ein paar Monaten über die Relegation in der Bundesliga hielt, die erste Halbzeit 8:3. Das wäre unter Guardiola nicht passiert, selbst wenn er mit acht statt elf Spielern aufgelaufen wäre. Die Spiele gegen Köln, Hamburg, Ingolstadt, Schalke liefen ähnlich, Frankfurt war bloß der Tiefpunkt.