In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre besuchte ein Profifußballer die Uniklinik Freiburg. In seinem baden-württembergischen Verein saß er zu der Zeit nur noch auf der Bank, er wollte in die erste Elf zurück. Er betrat die Abteilung Sport- und Leistungsmedizin, geleitet von Armin Klümper, der unter Athleten als Wunderdoktor galt. In Wahrheit dopte Klümper viele Athleten. Der Fußballer traf in der Praxis auf einen Assistenten, der schnappte sich die Mappe des Fußballers.

Pikant und öffentlich wurde diese Begebenheit, weil sich der Assistent später an den Sportwissenschaftler Andreas Singler wandte. Singler ist Teil einer mittlerweile aufgelösten Kommission, die die Doping-Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin, unter anderem im Fußball und Radsport, aufklären will.

Bereits im Frühjahr 2015 beschrieb Singler in einem Vorabbericht, wie der VfB Stuttgart und der SC Freiburg Anabolika für ihre Spieler gekauft hatten. Seitdem ist belegt, dass auch Fußballer über Doktor Klümper leistungssteigernde Mittel bekamen. Dem gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org liegt eine Version eines weiteren Gutachtens der Kommission vor, das Singler und seine Mitarbeiterin Lisa Heitner erstellt haben. Daraus gehen neue Details über die beiden Vereine hervor. Etwa dokumentierte Arztgespräche oder die genaue Lieferkette der Pillen.

Wieder stehen die Vereine VfB Stuttgart und SC Freiburg im Zentrum. Das Dokument zeigt, allgemein gesagt, systemische Manipulationen im Fußball. Und konkret, wie fließend der Übergang zwischen einfacher sportmedizinischer Betreuung und Doping damals im Spitzenfußball war.

Das Gespräch mit dem Fußballer aus Klümpers Klinik war kein übliches Beratungsgespräch, sondern ein Austausch über Doping. Herz-Kreislauf-Check, Blutbild, Ultraschall – die Auswertung des medizinischen Standardprogramms zeigte keine ungewöhnlichen Werte. Dennoch ließ sich der Athlet im Patientenzimmer über leistungssteigernde Mittel aufklären. Eine Dreiviertelstunde dauerte das Gespräch. Auch wurde dem Arzt klar, wie aus seinem Vermerk hervorgeht, dass der Spieler mit Infusionen bereits vertraut war.

Fußballer und Arzt kamen sogar auf Anabolika zu sprechen, die Muskeln wachsen lassen und die Regeneration beschleunigen. Der Arzt beantwortete Fragen und klärte über positive Wirkungen und potenzielle Nachteile auf. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neuen Wissen anfing, ist nicht bekannt. Aber er erfuhr, warum gerade Bodybuilder auf Anabolika setzten, und wie man Anabolika anwendet.

600 Tabletten

Die Aussagen geben einen Einblick in die schmutzige Arbeit der Uniklinik Freiburg, die jahrzehntelang das Zentrum des westdeutschen Dopings war. Mittlerweile ist bekannt, dass solche Gespräche Athleten oft nicht abgeschreckt, sondern, wie gewünscht, zum Dopen motiviert haben. Auch die des VfB Stuttgart?

1978 war ein wichtiges Jahr für den VfB. Zuvor spielte er zwei Jahre in der Zweiten Liga. Nach dem Wiederaufstieg landete der VfB gleich auf Platz vier in der Bundesliga. In der Saison darauf wollte der VfB um die Meisterschaft mitspielen. Helfen sollten dabei Karlheinz Förster, Hansi Müller und Dieter Hoeneß. Heute weiß man, dass Müller und Förster nach ihrer aktiven Zeit Geld für Klümper sammelten. Sie gründeten einen Förderverein für ihn. Wegen Abrechnungsbetrugs wurde der 1989 zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und wanderte 1998 nach Südafrika aus.

Wie die Versorgung damals lief, zeigt das Gutachten auch: Ein Masseur des Vereins bestellte Medikamente bei der Uni Freiburg. Die Lieferung an das Team wurde über eine von zwei Apotheken abgewickelt, die Klümper regelmäßig nutzte. Von dort landete die Rechnung beim Verein. Diese Belege waren es, die ab 1984 eine Sonderkommission des baden-württembergischen Landeskriminalamtes in zwei Strafverfahren besonders interessierten. Auf den Listen tauchten mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf, darunter das Anabolikum Megagrisevit.

Für den VfB Stuttgart begann die Saisonvorbereitung im Sommer 1978 mit einem Trainingslager in den USA. Für die Reise bestellte der Verein ein großes Paket Megagrisevit. Auf der Rechnung waren 600 Tabletten gelistet. Nach Einschätzung von Singler hätten damit 20 Spieler im Trainingslager ohne Problem täglich mit je einer Tablette versorgt werden können. Eine weitere Lieferung wurde kurz nach dem Saisonstart im August abgerechnet. Die nächste Rechnung stammt aus der Vorbereitungsphase für die Rückrunde. Diesmal waren es 400 Tabletten Megagrisevit. Das hätte gereicht, um 20 Spieler über zwei Wochen täglich zu versorgen. Für den VfB Stuttgart wurde es eine erfolgreiche Saison. Nur ein Punkt fehlte auf den Meister Hamburg. Dieter Hoeneß schoss 16 Tore.