ZEIT ONLINE: Herr Dohmann, wie wird man eigentlich Geher?

Carl Dohmann: Als ich elf war, bin ich in einen Leichtathletikverein eingetreten. Meine damalige Trainerin war Geherin. Sie hat uns alle Disziplinen gezeigt und das war das, was ich am besten konnte. Von meiner Statur her war auch klar, dass ich Ausdauersportler werden würde und kein Sprinter oder Werfer. Mit 14 habe ich mich dann spezialisiert.

ZEIT ONLINE: Irgendwo habe ich gelesen, Gehen sei wie der Versuch, möglichst laut zu flüstern. Soll heißen: Gehen ist auf eine gewisse Art paradox. Man beschränkt künstlich seine Geschwindigkeit, indem man die Technik und damit die Regeln einhält.

Dohmann: Ja, die Technik und Regeln beschränken einen. Aber das gibt es auch im Fußball. Dort lautet die Beschränkung: Man darf den Ball nicht in die Hand nehmen. Trotzdem kann man mit dem Ball alle möglichen Sachen machen, und kein Fußballer käme auf die Idee, dass er durch die Regeln gehemmt ist.

ZEIT ONLINE: Die Regeln beim Gehen lauten: Es muss immer ein Fuß Bodenkontakt haben. Und das Knie des Beines, dessen Fuß aufsetzt, muss durchgedrückt sein. Kampfrichter wachen an der Strecke über die Einhaltung der Regeln. Wenn es im Rennen mal knapp wird, besteht da nicht stets die Gefahr, etwas schneller zu machen und dann eben auch unsauber zu werden?

Dohmann: Bei den 20 Kilometern kann das passieren. Auf den letzten fünf reizen es da viele bis aufs Letzte aus. Dann gibt es manchmal viele Disqualifikationen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie nie versucht, zu rennen?

Dohmann: Zu rennen nicht, aber wenn es eng und schnell wird, muss ich natürlich den Bodenkontakt so kurz wie möglich halten. Da geht es um jede Sekunde.

ZEIT ONLINE: In den Superzeitlupen gibt es aber viele Augenblicke, in denen man genau erkennt, dass kein Fuß auf dem Boden ist. Alles Betrug also?

Dohmann: Das ist akzeptiert und durch die Regel gedeckt. Nach der Regel müssen die Kampfrichter mit bloßem Auge beurteilen, dass kein Bodenkontakt herrscht. Zeitlupen spielen keine Rolle, deswegen gibt es auch keinen Videobeweis. Das kann man wieder mit Fußball vergleichen. Eine Berührung ist noch kein Foul.

ZEIT ONLINE: Klingt sehr subjektiv.

Dohmann: Ja, es kommt da immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Aber natürlich versuchen alle, so objektiv wie möglich zu sein. Die Kampfrichter stehen untereinander während des Wettkampfs nicht in Kontakt, jeder muss also für sich selbst schauen. Damit ein Geher disqualifiziert wird, müssen immer drei Kampfrichter unabhängig voneinander einen Disqualifikationsantrag stellen.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es eigentlich keine Geh-Sprints?

Dohmann: Das geht von der Technik her nicht, da würde man ins Laufen verfallen.

ZEIT ONLINE: Die Leichtathletik musste in den vergangenen Jahren viel um Aufmerksamkeit kämpfen. Hat es das Gehen besonders schwer?

Dohmann: Das Gehen ist immer so ein wenig vom Aussterben bedroht. Im Spitzenbereich haben wir in Deutschland gerade gute Leute, aber in der Breite nimmt die Zahl der Geher ab. Das macht sich auch bei den Teilnehmerfeldern bemerkbar. Das größte Missverständnis ist, dass man meint, man müsse die Sportart modernisieren und eine Show daraus machen. Das halte ich für den falschen Ansatz. Man sollte vielmehr die Leistung vermarktbar machen. Leichtathletik beruht auf den Urprinzipien des Sports. Wer kann am schnellsten laufen, am höchsten springen, am weitesten werfen? Diese Leistungen, die dahinterstecken, sollte man wieder mehr betonen und den Leuten näherbringen. Das wünsche ich mir auch von den Medien. Viele verstehen beim Gehen die Leistung nicht, sondern sehen nur die komische Bewegung.

ZEIT ONLINE: Die Bewegung wirkt eben sehr kontraintuitiv. Damit können sich viele Leute nicht identifizieren.

Dohmann: Man kann aber die Leistung übersetzen. Wir gehen so gut 4:30 Minuten pro Kilometer. Und das 50-mal hintereinander. Da steckt viel Training dahinter. Wir machen zehn bis zwölf Einheiten die Woche. Gehen ist genauso anstrengend wie Joggen. Und es kommt die Schwierigkeit dazu, dass man die Technik einhalten muss. Wenn man an der Strecke steht, bekommt man schon mit, was da für Tempo und Spannung dahintersteckt. Es wird nur leider nicht gezeigt oder nur sehr selten.

ZEIT ONLINE: Wie viel trainieren Sie?

Dohmann: In der Spitze bis zu 230 Kilometer pro Woche, 180 Kilometer sind normal.