Ich treffe Philipp Winkler am Berliner Ostkreuz. Hochwasserhose, Windbreaker, Basecap, darunter freundliche Augen. Die Stadt zeigt sich im schönsten Grau. Über uns retten sich Zugvögel vorm deutschen Herbst in den Süden. Wir quetschen uns in die Bahn auf dem Weg zum Stadion An der Alten Försterei. Bierflaschen in den Fäusten der Fans, die Bahn rumpelt im S-Bahnhof Köpenick ein. Polizisten in Kampfmontur empfangen uns.

Union Berlin spielt gegen Hannover 96, seinen Verein. Philipp Winkler hat Hool geschrieben, einen Roman über einen deutschen Hooligan. Literatur vom Feinsten. Gab es bisher in Deutschland in dieser Qualität nicht. Es stand auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. Bisher haben 25.000 Menschen das Buch gekauft, obwohl es erst seit einem Monat draußen ist. In der Mehrzahl Frauen, weil sie mehr Bücher lesen als Männer.

Als ich ihm begegne, vergleiche ich Winkler unwillentlich mit Heiko, dem Helden seines Romans. Heiko, kaputte Familie, Schulabbruch, verlorene Liebe, Gelegenheitsjobber in einem Boxgym, ist Mitglied einer Hannoveraner Hooligangang mit dem deutlichen Hobby, anderen Hooligans bei Matches aufs Maul zu hauen. Der Anführer der Gang ist Besitzer der Muckibude und Heikos Onkel. Er vertickt im Hauptberuf Anabolika an Pumper.

Die Frage, die sich alle stellen: Hat er das alles selbst erlebt? Winkler sagt: "Die Figuren und die Geschichten in meinem Roman sind fiktiv." Alles, Namen, Ereignisse, erfunden. Und doch nicht. Ein Jahr hat er recherchiert, Hooligans getroffen, einen Fanbeauftragten, einen szenekundigen Beamten, unter anderem. Dann vier Jahre am Roman gearbeitet.

In der Nacht haben Hannoveraner Raudaubrüder auf der Berliner Schinkenstraße um das Friedrichshainer Simon-Dach-Viertel randaliert. Die Medien sprechen von Hooligans. Nennen wir sie Krawalltouristen.

Echte Hooligans treffen sich in abgelegenen Gegenden zu ihren Kämpfen. Winkler hat ein paar Antworten für ihr merkwürdiges Handeln. Worum geht's ihnen? Während der Europameisterschaft im Sommer, als sie ihr Comeback gaben, schrieb Winkler in einem Beitrag für die FAZ:

"Den eigenen Körper zu testen. Wie viel kann man einstecken? Wie viel hält man aus, sowohl physisch als auch psychisch? Kotzt man sich vor Angst auf die eigene Hose oder läuft mit wackelnden Knien weiter? Liegt man nach dem ersten Schlag, oder hat man selbst noch die Kraft zur Erwiderung?"

In der S-Bahn nach Köpenick © Karl van Worm

Auf den Gesichtern der Fans auf dem Weg ins Stadion strahlt Vorfreude. Hannoveraner und Unioner bunt gemischt. Ein Ex-Bundeskanzler quert unseren Weg, als wir hinter der Haupttribüne paffen.

"Ich hoffe natürlich", sagt Winkler, "dass Hool schlicht und einfach mit literarischer Qualität überzeugt und nicht nur durch eine gewisse Aktualität", sagt Winkler, der neben Hannover auch ein bisschen Werder Bremen mag. Das liegt an seinem Vater, der Werder liebt. Winkler ist in einer funktionierenden Familie in Hagenburg aufgewachsen, dreißig Kilometer von Hannover entfernt. Dort und in Wunstorf spielt sein Roman hauptsächlich. Dort wird die Sprache des Romans gesprochen.

"Ich habe mich daran erinnert, was wir damals gemacht haben, was wir konsumiert haben, wie wir geredet haben. Da kommt viel von diesem Idiom in meiner eigenen Sprache vor. Ich hab mich aber nicht als Schablone für Heiko benutzt. Ich war früher kein regelmäßiger Stadiongänger, weil ich es mir einfach nicht leisten konnte. Inzwischen schaue ich regelmäßig Werder und Hannover. Kicker lese ich nicht, in 11 Freunde schaue ich ab und an rein, auf transfermarkt.de bin ich täglich ein paarmal."

Zum Fußball kam er über das Bolzen. "Wir waren kleine Jungs, die mit der Pille die heißen Kicks der Bundesliga nachgespielt haben. Ich war immer Werder oder Hannover." Winkler ist gerade dreißig geworden. Ein nachdenklicher, frischer Typ, noch unverdorben vom Buchgeschäft. Beim Fußball war er mit seinem Vater nie.

Ein Drama voller Hass, Liebe und Koks

"Natürlich haben mir meine Eltern mal vorgelesen", sagt Winkler, "aber eigentlich war ich ein totales Fernsehkind. Pumuckl, Meister Eder, die Teenage Mutant Ninja Turtles und Meister Splinter waren die Helden meiner frühen Kindheit. Demnach wollte ich wahrscheinlich auch noch nicht immer Schriftsteller werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich überhaupt einen bestimmten Berufswunsch hatte, aber ein heißer Tipp könnte Fußball- oder Basketballspieler gewesen sein."

Winkler haut keinen in die Pfanne, er behandelt seine Romanfiguren liebevoll und bietet dem Leser Raum. Klar gibt's auch auf die Fresse, aber die Faust kreist zärtlich. "Ich finde es wichtig, wenn man solche Schlägereiszenen hat, sich in einem Milieu bewegt, wo es die ganze Zeit darum geht, Stärke zu zeigen, als Autor zu zeigen, dass die Leute Menschen sind. Mit Schwächen, dass sie Probleme haben, wie jeder."

Das ist eine der Stärken des sauber durchkomponierten Romans. Ein Drama voller Hass, Trauer, Liebe, Suff, Koks, Gewalt, Trost, Geschrei, eine poetische Geschichte des Erwachsenwerdens. Eine Geschichte auch ohne Sieger. Noch ein Zitat aus Winklers FAZ-Beitrag vom Juni:

"Männer in Sweatpants und Laufschuhen. Oder Trailschuhen, denn die bieten im freien Gelände mehr Grip. Männer in teuren Marken-Polohemden und Cargoshorts. In Anzügen. Männer mit Sporttaschen. In den Sporttaschen wiederum Jogginghosen, Blanko-T-Shirts, Bandagen und Zahnschutze. Männer verschiedensten Alters. Junge Erwachsene. Alte Haudegen. Daddys in den Dreißigern und Vierzigern. Männer, die von der Schicht kommen. Männer, die bald wieder auf Montage müssen. Studenten. Türsteher. Kindergärtner. Nachtwächter. Beamte. Arbeitslose. Selbständige. Landschaftsbauer. Müllmänner. Anwälte. Krankenpfleger. Nationalisten. Konservative. Rechte. Sozialdemokraten. Nichtwähler."