Das Stadion tobte, da war der Ball noch nicht einmal über der Linie. Aber man ist an Tore und Erfolge gewöhnt in Leipzig. Und es war ja bloß noch ein Kinderstück für Davie Selke, den Stürmer von RB: Das Tor war leer, Werder Bremens Tormann hatte es verlassen, um die letzte Chance auf den Ausgleich zu nutzen. Vergebens. Wieder hat sich ein Gegner mit großem Namen vergeblich an RB Leipzig versucht, wie zuvor Dortmund und Wolfsburg.

Nach dem achten Spiel ist der Aufsteiger noch immer ohne Niederlage, das ist Rekord. Gut, Red Bull Leipzig ist kein normaler, sondern ein reicher Aufsteiger. Aber mit Tabellenplatz zwei rechnete vor der Saison niemand. Dortmund, Schalke und Gladbach schauen hinauf zu Leipzig, selbst an Bayern München ist RB dran.

Die Gegenwart könnte für Leipzig schöner kaum sein. Die Mannschaft sorgt für Aufsehen in der Bundesliga und für gute Laune und Stolz auf sächsischen Straßen. Die Fans sind beseelt. Die Lokalreporter schimpfen noch mehr auf den Schiedsrichter als andernorts, wenn der gegen die Heimmannschaft zu pfeifen wagt. Doch irgendwann werden sich dem Projekt von Red Bull zwei Fragen stellen: Wie hoch hinaus will der Boss Dietrich Mateschitz? Und gewinnt Ralf Rangnicks radikaler Fußball erstmals Titel?

Will man Näheres über den Leipziger Aufstieg erfahren, muss man die neue, große Leipziger Akademie durchschreiten, vorbei an den Fitnessräumen, den Schlafzimmern der Spieler, der Turnhalle mit dem Videocoaching, den zwei Kantinen für Profis und Nachwuchsspieler. Am Ende liegt Rangnicks Büro. Dort sitzt er am Montag nach dem Sieg gegen Bremen. Ralph Hasenhüttl ist Leipzigs Trainer, doch der Baumeister des Aufstiegs ist der Sportdirektor Rangnick.

Rangnick verkehrt die Ursprungsidee des Fußballs

Er hat den Verein vor vier Jahren in der vierten Liga übernommen, zwischendurch war er ein Jahr auch der Profitrainer. Er hat die Akademie entwickelt, die als modernste Europas gilt. Von seinem Büro aus blickt er auf die Trainingsplätze, die Produktionsstätten des Leipziger Fußballs. Er sagt: "Wir sind Stand heute noch sehr weit von den Topklubs entfernt."

Rangnick, der Schwabe, ist ein Planer. Er hat den Betreuerstab ausgebaut. Er sucht die Trainer aus. Er fördert den Nachwuchs. Er integriert die Wissenschaft in die Arbeit, Rangnick lässt den Schlaf der Spieler analysieren. "Leipzig will sich hoch schlafen", witzelte die tz aus München. Es gibt veganes Essen. RB beschäftigt zwei Pädagogen, die sogar in der Akademie wohnen. Vor allem predigt Rangnick eine Fußballidee. Sie ist radikal, sie verkehrt die ursprüngliche Idee des Fußballs ins Gegenteil. Die lautet: Eine Mannschaft versucht, den Gegner auszuspielen – mit dem Ball, versteht sich.

Rangnick sieht es anders. Wenn er auf das vielleicht heiligste Thema im Fußball zu sprechen kommt, rückt er mit seinem Bürostuhl näher an den Gesprächspartner heran: "Im Fußball geht es nicht nur darum, Lösungen bei Ballbesitz zu vermitteln, sondern vor allem um Vermittlung eines synchronisierten Matchplans bei Ballbesitz des Gegners."