In der Nacht zum 2. Oktober steigt Hannes S. mit drei anderen Magdeburger Fußballfans in einen Regionalzug. Hannes ist Teil der Magdeburger Fanszene und trägt ein T-Shirt des Vereins, der an diesem Tag zu Hause gegen Holstein Kiel 1:0 gewonnen hat. Im Zug sitzen bereits 80 Anhänger aus Halle. Sie kommen gerade von einem 1:1 aus Köln, Halle spielt wie Magdeburg in der Dritten Liga. Die beiden Fanlager mögen sich nicht, regelmäßig gibt es Ausschreitungen. Es geht um die Vorherrschaft in Sachsen-Anhalt, oft geht es aber auch nur um dumpfes Prügeln.

Schon in Gifhorn sollen die Hallenser einen anderen Zuggast geschlagen haben. Was passiert, als Hannes S. und seine Begleiter in Haldensleben einsteigen, ist jetzt ein Kriminalfall. S. fühlt sich offenbar nicht wohl. Man erkennt ihn als Magdeburg-Fan und die Halle-Ultras der Saalefront gelten als gewaltbereit. Die Magdeburger Ultras übrigens auch.

Nur 300 Meter nach dem Bahnhof in Haldensleben fällt Hannes S. aus dem fahrenden Zug. Ob er dabei gestoßen wurde oder selbst sprang, ob aus Angst oder einem anderen Grund, ist noch unklar. Die Kopfverletzungen, die er sich beim Sturz aus dem Zug zuzieht, sind so gravierend, dass er länger als eine Woche im Koma liegt. Am Mittwochmorgen stirbt er.

Die Polizei ermittelt nun wegen schweren Landfriedensbruchs und Totschlags. Sie sucht weitere Zeugen. Der Fall birgt so viele offene Fragen, dass sich mittlerweile eine Sondergruppe aus Polizei und Bundespolizei gebildet hat. Am kommenden Freitag sollen die nächsten Ergebnisse präsentiert werden.

Zunächst gab es widersprüchliche Angaben von Polizei und Bahn: Die Polizei ist sich sicher, dass jemand die Türen im Fahren geöffnet hat, anders kann Hannes nicht aus dem Zug gelangt sein. Unmöglich sei das, sagt die Bahn, und alleine könne man die Türen nicht öffnen. Die Bahn hat wegen des Falls eigene Tests gestartet. Normalerweise löst eine Türöffnung während der Fahrt auch ein Signal beim Zugführer aus, der dann stoppen kann. Der Zug aber fuhr weiter. Womöglich gab es kein Signal. Aber warum? 

Auch wie sich Hannes' drei Begleiter verhalten ist seltsam. Nachdem S. aus dem Zug gestürzt ist, wurden sie an der nächsten Haltestelle von den Hallensern aus dem Zug gedrängt. Haben sie nicht mitbekommen, was ihrem Freunde passiert ist? Gefunden wird der schwer verletzte S. erst eine Stunde später durch einen unbeteiligten Zeugen, der einen Notruf absetzte.

Und was geschah mit den Hallensern? 80 sollen im Zug gewesen sein, bislang hat die Polizei 30 von ihnen durch Videoaufnahmen aus dem Zug identifiziert. An der entscheidenden Stelle aber fehlen die Videobilder. War die Technik veraltet? Die Kamera falsch eingerichtet? Oder haben die Hallenser die Kameras absichtlich abgeklebt?

Es ist ein heikler Fall. In den Kommentarspalten regionaler Medien fällt zwar das Wort Mörder, doch die ersten Reaktionen beider Vereine und der Fanszenen beschwichtigen. Halles Präsident Michael Schädlich sagte: "Es tut mir unendlich leid und ist für mich völlig unverständlich, dass so etwas passieren kann." Und die Magdeburger Fanszene schrieb: "Trotz aller Rivalität und der aufgewühlten Gefühlslage rufen wir zur Besonnenheit aller Clubfans auf, um jegliche Verschärfung der aktuellen Situation zu verhindern!" Ähnlich äußerte sich der Fankurvenrat aus Halle

Auch die Oberbürgermeister aus Halle und Magdeburg meldeten sich. "Der Tathergang ist noch nicht aufgeklärt, weil Zeugen mauern", schrieb der Magdeburger Lutz Trümper und man ahnt, wie groß die Sache mittlerweile geworden ist.