Volker Herres, der Programmdirektor der ARD, gehört zu den Hierarchen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Er beherrscht also Pathos. Olympische Spiele, sagte er vor den Spielen in Rio in diesem Sommer, dienten auch als "sozialer Kitt" in einer "immer mehr fragmentierten Gesellschaft". Das könnten sie aber nur, wenn die Übertragungen von den Wettbewerben die weitestmögliche Verbreitung fänden. Bei den Verhandlungen über Sublizenzen zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und dem Discovery-Konzern, der 2015 die Übertragungsrechte für die Olympischen Sommer- und Winterspiele zwischen 2018 und 2024 für 1,3 Milliarden Euro erworben hatte, stehe "für die Gesellschaft ein großer Wert auf dem Spiel", sagte Herres damals.

So gesehen hat "die Gesellschaft" eine Niederlage erlitten, als Discovery am Montag die Verhandlungen mit den Öffentlich-Rechtlichen über eine Sublizenzierung für beendet erklärt hat. Weil ARD und ZDF die Forderungen der Rechteinhaber als zu hoch empfanden, laufen die Olympischen Spiele nun ausschließlich bei Sendern der Discovery-Gruppe: bei Eurosport und DMAX, jeweils frei empfangbar, sowie dem Pay-TV-Programm Eurosport 2. Eine weitere Möglichkeit, die Wettbewerbe zu verfolgen, bietet online der Eurosport Player, der im Jahresabo 60 Euro kostet. Die neuen Regeln gelten erstmals Anfang 2018 bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang, also quasi ab sofort.

Sieht man einmal ab vom dramatischen Ton des ARD-Programmdirektors – im Kern sind seine Äußerung nicht abwegig. So wirft die aktuelle Entwicklung an der Rechtefront einerseits die Frage auf, ob Nischensender wie Eurosport oder DMAX ein allgemein an Sport interessiertes Publikum zum Einschalten motivieren können. Sind andererseits eingefleischte Sportfans bereit, Geld für Eurosport 2 zu zahlen, zumal sie möglicherweise bereits Sky abonniert haben?

Verlierer sind die Randsportarten

Raphael Brinkert, der Inhaber der Werbeagentur Jung Von Matt/Sports, glaubt das nicht. "ARD und ZDF betreiben lieber Mord in bester Gesellschaft, statt den olympischen Sport weiterzuentwickeln", schimpft er. Der Werber spielt an auf den Krimi-Overkill in den öffentlich-rechtlichen Programmen. "Wenn der Jugend die Vorbilder fehlen, fehlen den Vereinen Mitglieder und Talente", ergänzt er. Dass Brinkert sauer ist, kann man verstehen. Die Agentur, die er mit Christoph Metzelder gegründet hat und für die Arne Friedrich arbeitet, fürchtet Umsatzeinbußen. Seine Argumentation, dass sogenannte Randsportarten langfristig vom Aussterben bedroht sind, wenn sie nicht wenigstens alle vier Jahre einen Aufmerksamkeitsschub erleben, ist aber nicht von der Hand zu weisen.

Sorgen, wie sie Brinkert formuliert, kursieren bereits seit der Rechtevergabe an Discovery im Sommer vergangenen Jahres. "Die Berichterstattungsstrategie von ARD und ZDF basierte darauf, Olympia-Sender zu sein und den olympischen Kernsportarten auch in der Zeit zwischen den Spielen ein massenattraktives Programmumfeld anzubieten." Dies müsse man nun "überdenken", sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky seinerzeit.

Läuft auf ARD und ZDF bald noch weniger Leichtathletik, Schwimmen und Ringen? Solche Befürchtungen versuchen hochrangige TV-Manager nun zu zerstreuen. Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks und im ARD-Verbund für Sportrechte zuständig, verweist auf die geplanten Übertragungen der European Championships, "die insgesamt sieben Europameisterschaften in olympischen Sportarten umfassen und zeitgleich im Sommer 2018 in Berlin und Glasgow ausgetragen werden".