Wenn spätestens in der Nacht zum Donnerstag die Baseballsaison in den USA zu Ende geht, beenden die Chicago Cubs womöglich eine der längsten Pleiteserien der Sportgeschichte. Die Cubs könnten den wichtigsten Baseball-Titel der Welt gewinnen. Es wäre das erste Mal seit 1908 und das Ende einer 108-jährigen Loser-Geschichte. Wie kaum ein anderes Team weltweit gelten die Cubs als notorisch erfolglos.

Und wenn doch die anderen, die Cleveland Indians, siegen sollten, wäre das fast ebenso bemerkenswert. Nach fünf von sieben Spielen liegt der Vorteil bei Cleveland. Die Indians führen in der Best-of-Seven-Serie mit 3:2, vergaben am Sonntag in Chicago jedoch den ersten Matchball. Es ist eine kuriose Final-Paarung. Auch die Indians warten seit 1948 auf ihren nächsten Titelgewinn.

Besser als Football

Doch obwohl zwei Dauer-Verlierer gegeneinander spielen, könnte es für die Major League Baseball (MLB) kaum ein besseres Duell geben. Die Fernsehquoten sind die besten seit elf Jahren und, fast noch wichtiger: Das Duell der Untoten schlug die Konkurrenz aus der National Football League zur wichtigsten Sendezeit. In der Nacht auf den Montag schauten mehr Fans das fünfte Duell der Baseball-Finals, als beim populären Sonntagabend-Spiel der NFL zwischen den Dallas Cowboys und den Philadelphia Eagles einzuschalten. Der Football-Kolumnist Frank Schwab schrieb daraufhin:  "The Walking Dead mag manchmal gegen die NFL gewinnen, aber es ist selten, dass ein anderer Sport in diesem Vergleich siegt."  

Die Liga profitiert vom Außenseiter-Finale, es ist identitätsstiftend. Ein Familienduell der Underdogs, in einer Sportart, die mit ihren vergleichsweise günstigen Preisen für Tickets und Catering ohnehin als beliebtes Familienausflugsziel gilt.

Einen Jägermeister auf die Cubs

Es sind aber vor allem die Cubs, die für den besonderen Reiz dieser Finalserie sorgen. Trotz, oder vielleicht gerade wegen ihrer chronischen Erfolgslosigkeit sind sie landesweit beliebt. Seit jeher gilt die große Zahl der Fans als besonders loyal, das Wrigley Fieldist eine der bekanntesten Sportarenen der USA. Die Wirkung der Cubs reicht bis in die Kulturindustrie hinein. Im Fernsehen wird der Club gerne als Detail genutzt, um einen bestimmten Seriencharakter zu skizzieren.

Zum Beispiel Mike Biggs. Ein übergewichtiger Polizist aus der Serie Mike & Molly, der in Chicago regelmäßig an seiner Fresssucht scheitert, bricht mit seinen Traditionen und nimmt seine Molly zum eigentlichen Männerabend zur Saisoneröffnung mit ins Stadion. Und der Komödiant James Belushi stand als Titelfigur in der Sitcom Immer wieder Jim unter dem Joch seiner Ehefrau und gleichzeitig den Cubs nahe. Sucht man vermeintliche Durchschnittstypen mit einem Hang zum Verlieren, findet man sie als Cubs-Fan.

Das schafft Identität. Anlässlich der Finals wird sogar in den Abendnachrichten über treue Cubs-Fans wie Dorothy Farrell berichtet. Die 90-Jährige ist seit Ewigkeiten Besitzerin einer Jahreskarte. "Ich wünsche mir, dass meine Brüder das noch erleben könnten", sagte sie dem Fernsehsender Fox. Den Finaleinzug ihres Teams feierte sie mit einem Shot Jägermeister.