Die Dortmunder verstehen was von Fußball. Sie sind Barometer ihrer Borussia. An ihren Aussagen, Gesten, Reaktionen kann man viel ablesen. Also, wer hatte recht nach dem Sieg gegen die Bayern: Die Ordnerin aus Barop, die seit Jahrzehnten ihren Dienst im Westfalenstadion leistet, und wie so viele die Fäuste ballt und aus allen Poren strahlte? Oder der Fan im schwarzgelben Trikot und in Schneejeans, der auf dem Nachhauseweg eine leidenschaftliche Stildebatte mit seinen Kumpels anfing. "1:0, schön und gut. Aber wieso geht vorne keiner drauf? Und wieso sechs Verteidiger?"

Beide hatten recht. Dortmund konnte erstmals seit viereinhalb Jahren die Bayern in einem Bundesliga-Spiel von Bedeutung besiegen, weshalb die Südtribüne wie schon lange nicht mehr grölte und sang. Der BVB, wohl noch immer der größte Konkurrent des FC Bayern, ist ihm nahegekommen. Die guardiolalosen Bayern sind wieder schlag- und erreichbar. Es war zwar ihre erste Niederlage der Saison, doch sie bedeutete den Sturz auf Platz zwei.

Das Spitzenspiel steht beispielhaft für die neue Bundesliga. Mehr Stimmung, mehr Spannung und plötzlich ist auch durch den neuen Tabellenführer RB Leipzig mehr Musik drin. Doch die neue Bundesliga leidet gleichzeitig ein wenig an Niveauverlust. Man muss nicht mal einen guten Tag erwischen, um gegen die Bayern zu gewinnen. So wie die Borussia, der dies mit extremem, fast schon wieder spektakulärem Defensivfußball gelang.

Die erste nennenswerte Aktion in der 11. Minute war die beste des gesamten Spiels: Da kreuzten sich die Wege von Mario Götze und Mats Hummels, diesmal nicht irgendwo auf dem Weg zwischen Dortmund und München, wo sie sich in der Sommerpause hätten begegnen können, sondern im Strafraum der Bayern. Mit schlechtem Ende für Hummels – Götze tunnelte ihn und tischte Pierre-Emerick Aubameyang die Führung auf.

Dieser Treffer prägte das Spiel, nicht unbedingt zum Guten. Die Bayern hatten nach gut 20 Minuten ein Übergewicht. Gelenkt von Xabi Alonso, Philipp Lahm und Franck Ribéry, der Ü30-Fraktion, zeigten sie die reifere Spielanlage. Kein anderes deutsches Team kann gegen Dortmund so oft und lange den Ball behaupten.

Andererseits sind es eben nur noch die Ancelotti-Bayern. Wie üblich griffen weniger Spieler an, drängen weniger Spieler in den Strafraum als unter Pep Guardiola. Auch gegen den BVB waren die Bayern passiver, gerade wenn man bedenkt, dass sie mehr als 80 Minuten in Rückstand waren. Viele gute Chancen hatten sie nicht. Die besten waren ein Lattensegler von Alonso und ein Abseitstor Ribérys.

In der Abwehr klaffte ein Loch

Es wird immer offensichtlicher, dass Ancelotti Abstriche im Kader machen muss. Da ist nicht nur Weltklasse. Robert Lewandowski erschwerte sich und seinen Mitspielern das Dasein mit mittelmäßigen Ballan- und Ballmitnahmen. In der Abwehr klaffte ein Loch. Die Verteidiger schlugen beim Aufbau den Ball oft lang, statt ihn ins Mittelfeld zu schieben. Joshua Kimmich konnte dem Spiel wenig geben. Die Ü30-Fraktion verlor in der zweiten Halbzeit an Wirkung. Ribéry lief sich fest, Lahm und Alonso wurden sogar ausgewechselt. Auch die Bank half nicht. Douglas Costa zum Beispiel kam nach seiner Einwechslung meist zum Stand, wenn er den Ball hatte.

Auch die Darbietung des BVB war okay, aber auch nicht viel mehr. Die Elf zeigte sich jugendlich, erfolgshungrig, talentiert. Götze hatte in der ersten Hälfte mehrere Momente. Als er ausgewechselt wurde, erhielt er von den Dortmunder Zuschauern Applaus, von den Bayern Buhrufe. So schnell können sich Stimmungen drehen. Aubameyang, erneut gut drauf, gewann das Duell der Torjäger. Diesmal waren auch die Dortmunder Verteidiger in den letzten Duellen gegenwärtig, speziell Sokratis Papastathopoulos und Marc Bartra.