Nun fängt sich der HSV sogar Absagen aus der Zweiten Liga ein. Christian Hochstätter bleibt doch in Bochum, die nächste Panne des Hamburger Sportdirektorcastings, wie immer detailliert nachzulesen in der Presse. Hochstätter, der in der Bundesliga in Gladbach und Hannover keine Spuren hinterließ, war ohnehin nicht erste Wahl. Kurz zuvor hatte Nico-Jan Hoogma die Verhandlungen abgebrochen, offenbar wartete er nach einem ersten erfolgversprechenden Treffen vergeblich auf einen Anruf aus Hamburg. Doch dem HSV fehlen offenbar Überzeugung und Entschlusskraft.

Den Eindruck hat man schon lange. Seit 2014 ist der Verein im Abstiegskampf, in der Vorsaison, als er Zehnter wurde, hat er es bloß nicht gemerkt. In der aktuellen ist er Letzter, mit nur zwei Punkten aus zehn Spielen. Manchmal schießt die Elf in neunzig Minuten gar nicht aufs Tor. Doch sie ist nur das letzte Glied in der Kette. Die sportliche Misere des HSV ist eine Folge jahrelanger Führungsschwäche und Missmanagement. Und Besserung ist nicht in Sicht.

Ganz oben steht der Vorstand Dietmar Beiersdorfer. In seiner ersten Zeit beim HSV (2002 bis 2009) entdeckte er einige gute Spieler. Weil er zudem beim letzten Titelgewinn vor drei Jahrzehnten das Trikot mit der Raute trug, wurde er im Sommer 2014 mit Begeisterung zurückgeholt. Dabei war in Hamburg bekannt, dass er, der im Fernsehen lange Pausen beim Reden macht, Konflikte scheut und sich schwer entscheiden kann. Auf seinen Zwischenstationen bei Red Bull und in St. Petersburg konnte er das nicht widerlegen.

Und so lag er mit fast allen Trainerentscheidungen in Hamburg daneben, ob mit Mirko Slomka oder Joe Zinnbauer. Von Bruno Labbadia war er nicht überzeugt und ging trotzdem mit ihm in die neue Saison. Zuletzt holte er Markus Gisdol, der trotz der langsamen Abwehr auf Gegenpressing, also hohes Verteidigen, setzt. Nach fünf sieglosen Spielen wirkt Gisdol ratlos.

Dabei hat Beiersdorfer oft einen guten Blick für den Markt. An Thomas Tuchel war er zu dessen Sabbaticalzeiten als Erster dran. Er konnte sich jedoch nicht festlegen. Am Ende ging Tuchel nach Dortmund. Vielleicht musste Beiersdorfer wieder zu viele Leute fragen. Manch einer, der schon mal mit dem HSV verhandelt hat, beschreibt dies als Hamburger Krankheit. Schon die Endphase der Ära Bernd Hoffmann, unter dem der HSV auch nicht sein Limit erreichte, aber fast immer im Europapokal spielte, war davon geprägt, dass zu viele im Verein mitredeten.

Es gibt den noch immer großen Aufsichtsrat, es gibt Altmeister wie Bernd Wehmeyer, Thomas von Heesen und natürlich Uwe Seeler. Alle mit guten Drähten zu den Hamburger Medien. Die schwanken stets zwischen den "Unter Happel war alles anders"-Storys und Überschwang. In der Morgenpost stand vor der Saison: "Der HSV greift wieder oben an."

Der Schwanz wedelt mit dem Hund

Alte Größe, das Selbstbewusstsein der Hanse – auch das tut dem Verein nicht gut. "Platz 6 bis 8 ist möglich", sagte Klaus-Michael Kühne vor der Saison. Der kinderlose Milliardär will seiner Heimatstadt Gutes tun. Doch er mischt sich ins operative Geschäft ein, unterliegt Einflüsterungen von Beratern. Wie viel Ahnung er von Fußball hat, bewies er vor vier Jahren. Damals holte er Rafael van der Vaart, den man nur in Hamburg für einen zweiten Maradona hielt. Als der zurückkehrte, war er längst ein durchschnittlicher Kicker, der in Tottenham, vor allem in Madrid durchgereicht worden war. In der Bundesliga erzählte man sich, Rafael durfte deswegen zurück, weil Sylvie für den Otto-Katalog modelte. Es war nicht als Scherz gemeint.

Kühne hält zwar nur 11 Prozent der HSV-Anteile, hat aber auf dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Gernandt installiert, seinen Vertrauten. Wedelt in Hamburg der Schwanz mit dem Hund? Gernandt, erst seit zwei Jahren im Fußballgeschäft, ließ sich bei der Ausgliederung der Profiabteilung vor zwei Jahren von der Laola von 10.000 Mitgliedern überwältigen. Dann verkündete er ergriffen, Beiersdorfer zurückzuholen. Wie man hört, rückt der Aufsichtsrat von Beiersdorfer schon nach zweieinhalb Jahren aber ab. Gernandt ist ein erfolgreicher Wirtschaftsmann. Dass er aber vom Fußball so viel versteht wie von anderen Handelstätigkeiten, lässt sich nicht behaupten.