Von Runde zu Runde wächst die Emotion. Seit zwei Wochen kämpfen die beiden Männer im Süden Manhattans Kopf an Kopf um den Titel, und nur einer wird ihn bekommen. Die Spannung spürt auch das Publikum, und sie drängt nach Entladung.

Als die zehnte Partie in ihre entscheidende Phase tritt, der Herausforderer des Weltmeisters einen schweren Fehler macht, sind plötzlich laute, wilde Schreie im Fulton Market Building zu hören. Es sind nicht die Duellanten, die sich da Luft machen, es sind die Zuschauer. Ihre Helden hören es in ihrer schalldichten Arena nicht einmal.

Leontxo Garcia aus Spanien, der Grand Old Man der Schachberichterstattung, der seit Mitte der achtziger Jahre für El Pais schreibt, erinnert an den Druck, der in den Spielern wirkt. Stunde um Stunde sitzen sie in ihrer Kabine, isoliert von der Außenwelt, gefangen im Zweikampf, allein mit ihren Gedanken, Ideen, Ängsten, Aggressionen, und sie können nichts machen, nur spielen. Nicht rufen, nicht fluchen, nicht rausgehen, nicht auf den Tisch hauen, nichts. Nur spielen.

Sechseinhalb Stunden dauert die zehnte Partie. Die Akteure liefern sich eine stille Schlacht über 75 Züge. Es ist ein Höllenritt der Gefühle.

Die Partie zum Nachspielen

Magnus Carlsen, der Weltmeister, liegt einen Punkt zurück. Er hat Weiß. Er möchte gewinnen. Er will gewinnen. Er muss fast gewinnen. Es sind ja nur noch drei Runden bis zum Schluss. Wann, wenn nicht jetzt, soll er seinen Rückstand ausgleichen?

Andererseits hat ihn sein entfesselter Siegeswille erst in diese missliche Lage gebracht, als er in der achten Partie unbedingt zuschlagen wollte und sich am Ende selbst erledigte. Ohne dieses Desperadotum hätte ihn Sergej Karjakin, sein defensiv eingestellter Herausforderer, kaum zur Strecke bringen können.

Diesmal wählt Carlsen zum Zwecke der kontrollierten Offensive erneut die Spanische Eröffnung, jene seit einem halben Jahrtausend beliebte Zugfolge. Karjakin entscheidet sich für die Untervariante der Berliner Mauer, die ihren Namen trägt, weil sie unüberwindbar zu sein scheint, aber wie man aus politischen Zusammenhängen seit einiger Zeit weiß, stimmt das ja gar nicht.

Carlsens Entgegnung aus der Hüfte

Es ergibt sich eine geschlossene Stellung, bei der bis auf die schwarzfeldrigen Läufer alle Bauern und Figuren auf dem Brett bleiben. Die Meister lavieren hinter den eigenen Reihen, sie versuchen, ihre Offiziere auf gute Felder zu bringen. Fragt man die mitlaufenden Schachprogramme nach ihrer Einschätzung der Stellung, befindet sich alles im Gleichgewicht.

Der Herausforderer wäre froh über ein Remis. Noch drei Unentschieden in Folge, und er ist Weltmeister. So einfach ist das. Und so schwer. Wenn er zu passiv zu Werke geht, bekommt er vielleicht gleich die Quittung.

Aus der Eröffnung kommt Karjakin gut heraus. Im 15. Zug hat er alle Möglichkeiten, es gibt viele brauchbare Züge. Ihm droht nichts direkt. Er, der bis dahin schnell gespielt hat, beginnt an dieser Stelle plötzlich nachzudenken. Eine halbe Stunde lässt er verrinnen, bis er 15. … c6 macht, einen Bauernzug, den die Zuschauer sich schon nach zwei Minuten zugerufen hatten. Carlsens Entgegnung kommt auf der Stelle. Aus der Hüfte. Es ist wie eine Demonstration: Du weißt nicht, was zu tun ist? Ich weiß es.