Strahlend blauer Himmel über Manhattan, Tag der Entscheidung bei der Schach-WM im Fulton Market Building. Bloß wo sind die Zuschauer an diesem Montagnachmittag? Es sind nur Dutzende da, nicht Hunderte wie bisher. Schnell gibt es eine Erklärung: Die das Event ausrichtende Firma Agon hat den Ticketpreis kurzfristig von 75 Dollar auf 200 Dollar hochgeschraubt. Das ist dann doch zu viel für eine schwarzgetünchte Arena, in der man die beiden Helden hinter Rauchglas kaum erkennen kann und sich deshalb in einem Café vor Flachbildschirmen sitzend wiederfindet. Die Erklärungen der Partiekommentatoren sind so leise gedreht, dass sie vor der Geräuschkulisse kaum zu verstehen sind. Da kann man sich auch zu Hause den Livestream im Computer ansehen.

Aber Schachfans sind hart im Nehmen und wer nun einmal da ist, freut sich. Schließlich könnte heute wieder einmal Schachgeschichte geschrieben werden, sind doch schon etliche WM-Kämpfe in einer dramatischen Schlussrunde entschieden worden. Man denke nur an Anand gegen Topalow 2010 im bulgarischen Sofia oder an Kramnik gegen Lékó 2004 in Brissago in der Schweiz.

Wesselin Topalow wollte unbedingt gewinnen mit Weiß und überzog; Viswanathan Anand räumte ihn mit einem brachialen Konter zur Seite. Titel verteidigt.

Wladimir Kramnik mit Weiß musste unbedingt gewinnen und brachte Peter Lékó mit einer faszinierenden Positionspartie zur Strecke. Titel verteidigt.

Was wird der 28. November 2016 bringen? Eine Bestätigung des Weltmeisters Magnus Carlsen aus Norwegen? Einen neuen Weltmeister aus Russland namens Sergej Karjakin? Die Verlagerung der Entscheidung durch ein weiteres, letztes Unentschieden? Ein harter, zäher, schwerer Kampf ist zu erwarten.

Nach elf Partien steht es 5,5 zu 5,5. Carlsen und Karjakin haben je eine Partie gewonnen, die anderen Partien endeten remis. Jeder Ausgang der zwölften Runde wäre nach dem bisherigen Verlauf plausibel. Alle Kommentatoren, Großmeister und Reporter fühlen sich insoweit gewappnet. Manch ein Zuschauer hat ein Sandwich mitgebracht. Am Ende ringen der Weltmeister und sein Herausforderer wieder bis in den Abend miteinander; da sorgt man lieber vor.

Die Partie zum Nachspielen

Was dann tatsächlich geschieht, reißt die Gäste schon nach 35 Minuten von den Sitzen – Händedruck und Remis!

Was ist da los? Was ist geschehen? Magnus Carlsen hat einen Spanier aufgelegt, jene so nachhaltige Weiß-Eröffnung, der sich Sergej Karjakin mit einer Berliner Mauer entgegenstemmt. Eine Konstellation, wie sie schon in der dritten und zehnten Partie aufs Brett gekommen ist.

Dieses Mal steuert Carlsen die langweiligste aller langweiligen Langweilervarianten an: Die e-Linie öffnet sich und durch dieses Fenster werden in rasendem Tempo Türme, Springer, Damen, Läufer getauscht, bis nur noch die beiden Könige, eskortiert von je einem Läufer, zwischen ihren symmetrisch verteilten Bauern verharren. Friedensschluss im 30. Zug! Früher geht es nicht, das verbieten die Regeln.

Was ist nur mit Magnus Carlsen los? © World Chess

Carlsen will nicht spielen. Er will einen halben Punkt und am Mittwoch in die Tiebreaks gehen. Die Magnusisten im Fulton Market Building können es nicht fassen. Halb Norwegen vor den Fernsehapparaten kann es auch nicht fassen. Ratlosigkeit am Polarkreis.

Magnus, der noch einen Stein auspresst. Magnus, der immer bis zum Letzten kämpft. Magnus, der nicht lockerlässt. Magnus, der in die fünfte, sechste, siebte Stunde geht. Magnus!

Ist er vielleicht krank? Fühlt er sich nicht? Hat er was? Das sind ganz neue Fragen. Antworten gibt es naturgemäß nicht. Käsig sieht der Weltmeister nicht aus.

Carlsen freut sich, aber worüber bloß? © Ole Kristian Strøm

Auf jeden Fall hat Magnus am Mittwoch Geburtstag. Das Stechen ist sein Geschenk an Sergej. Der freut sich und strahlt. So mühelos hat er hier überhaupt noch kein Remis eingefahren. Schönen Dank auch.

Agon tröstet die Zuschauer, die 200 Dollar für eine halbe Stunde bezahlt haben. Ihr Ticket gilt nun auch für das Stechen am Mittwoch. Na immerhin. Jetzt  können sie nach Hause gehen oder ins Moma oder ins Whitney Museum of American Art oder auf die High Line oder über die Brücke nach Brooklyn rüber. Es ist nämlich wirklich ein herrlicher Tag.

Der Großmeister Jan Gustafsson analysiert die zwölfte Partie in unserem Kommentarvideo:

Im WM-Kampf steht es nach den regulären zwölf Runden nun 6:6. Am Mittwoch um 20 Uhr deutscher Zeit beginnt das Stechen mit zunächst vier Schnellpartien und – bei weiterem Gleichstand – anschließenden Blitzpartien. ZEIT ONLINE wird live bloggen.