Schach-WM - Remis in der neunten Partie Mit dem Remis zwischen Sergej Karjakin und Magnus Carlsen in der neunten Partie liegt der Favorit Carlsen weiterhin knapp zurück. Drei Spiele stehen noch aus.

Wie eine Partie doch alles ändern kann. Nach sieben Unentschieden, die keinesfalls alle ereignislos waren, gewann Sergej Karjakin am Montag die achte Partie gegen Magnus Carlsen mit einem furiosen Finish. Nun stehen auf einmal alle unter Strom. Die Norweger, die Russen, die Zuschauer. Plötzlich scheint das Undenkbare denkbar: dass der Schachweltmeister gestürzt und abgelöst wird von einem, dem es viele nicht zugetraut hatten.

König Magnus war von seiner Niederlage so "pissed off", wie man hier sagt, dass er das Fulton Market Building verließ, ohne an der Pressekonferenz teilzunehmen, wie es seine vertraglich vereinbarte Pflicht gewesen wäre. Für zwei Minuten hatte er auf dem Podium Platz genommen, dann hielt er es nicht mehr aus, sprang auf und rannte davon wie ein angeschossenes Wild.

In der Politik gilt das Wort: Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen. Gilt es auch im Schach? Würde Magnus Carlsen sich am spielfreien Dienstag einkriegen und zur neunten Partie am Mittwoch erscheinen? Die Frage ist ganz abwegig nicht, denkt man an Bobby Fischer, der in Reykjavik 1972 zur zweiten Partie mit Boris Spasski einfach nicht kam, weil er sich geärgert hatte. Aber so eigenwillig wie Bobby ist Magnus dann nicht.

Am Mittwoch ist er wieder da, als wäre nichts gewesen, nur müde sieht er aus. Nachdem Sergej Karjakin ihn bei der Blitzschach-WM vor einem Jahr in Berlin geschlagen hatte, schlief er die ganze Nacht nicht und büßte am nächsten Tag seinen Titel ein. Das hat er selber hinterher erzählt. Wie wird es ihm jetzt ergehen?

Karjakin eröffnet die neunte Partie mit dem Königsbauern; so spielt er am liebsten, da kennt er sich am besten aus. Spanisch wieder, wie schon in etlichen Partien hier in New York. Nun aber Carlsen: Er wählt ein Abspiel, das schärfer ist als alles im Turnier bisher. Die Archangelsk-Variante. Sein Königsläufer geht nicht nach e7 vor den König, sondern zieht nach c5, zwei Felder weiter. Von dort strahlt er ins Zentrum hinein, ist allerdings auch angreifbar.

Carlsens Königsläufer

Keine Gefahr für Karjakin

Carlsen hat in Turnierpartien viermal so gespielt, Karjakin dreizehn Mal, kann man in den Datenbanken nachlesen und sich merken, wenn man ein gutes Gedächtnis hat. Carlsen hat in diesem System nie verloren, Karjakin einmal. 

Jetzt kommt es zwischen den beiden zu einem, wie die Schachspieler sagen, Theorieduell. Zwanzig teils komplizierte Züge kloppen sie im Nu aufs Brett, alles schon mal da gewesen. Der Weltmeister will seinen Herausforderer auf bekanntem Terrain überraschen, erst im 21. Zug weicht er von den Vorläuferpartien ab und bringt eine Neuerung. Überrascht wird er dann selber, denn zwei Züge später versinkt er eine halbe Stunde in tiefes Grübeln.

Karjakin bleibt quick und geschmeidig. Nach der Eröffnung hat er einen Bauern mehr, dafür ist seine Stellung zerklüftet, und sein König steht halb im Freien. Kann Carlsens aktives Figurenspiel ihm gefährlich werden?