Einen unpassenderen Ort für sieben Unentschieden in Folge kann es kaum geben. Der Sport in den USA ist geprägt von American Football, Basketball und Baseball, wo viele Punkte erzielt werden. Fast alle Spiele in den USA werden bei Gleichstand verlängert, um einen Gewinner zu finden. Schach ist anders, das zeigt der WM-Kampf in New York. Sieben Mal hintereinander fand sich kein Sieger zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und seinem Herausforderer Sergej Karjakin. Manch einer, der Schach nur gelegentlich beachtet, begann sich zu langweilen. In der achten von zwölf Partien bahnte sich das achte Remis an. Carlsen wirkte allmählich selbst genervt. Er entschied sich, das Risiko zu erhöhen und wurde dafür bestraft – Karjakin gewann.

Jetzt steht es 4,5:3,5 für den Russen. Geht es mit den Remisen weiter, wie es angefangen hat, verliert Carlsen seinen Titel. Aber warum spielen die beiden so oft Remis? Liegt es an den beiden Duellanten? Oder am Schachspiel selbst? Nirgends ist das Unentschieden so häufig wie im Schach. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass zwei Sprinter so nah beieinander ins Ziel kommen, dass sich auf keinem Standbild ein Sieger ermitteln lässt. Selbst im Fußball, der nach US-Maßstäben als remisträchtig gilt, endet nur etwa jedes vierte Bundesligaspiel unentschieden. Im Schach ist das Remis ein häufiges Ergebnis, unter Spitzenspielern sogar das häufigste.

"Bei Begegnungen auf hohem Niveau ist die Remisquote hoch, weil die Spieler so stark sind, dass sie wenig Fehler machen. Dadurch gibt es für beide Seiten nicht viele Möglichkeiten zum Sieg", sagt Niclas Huschenbeth. Der Deutsche Meister von 2010 hat die erste Hälfte des WM-Matches für Chess24 und ZEIT ONLINE analysiert. Tatsächlich enden Partien zwischen den besten Schachspielern der Welt zu etwa 60 Prozent mit einem Remis. "Gerade bei einem WM-Match gibt es noch mehr Remispartien als bei einem normalen Turnier. Keiner der beiden Spieler möchte verlieren und einem Rückstand hinterherrennen."

Viele Wege führen zum Remis

Das Remis kann im Schach auf vielen verschiedenen Wegen entstehen. Wurden so viele Figuren geschlagen, dass kein Matt mehr möglich ist, endet die Partie sofort und wird als Remis gewertet. Dasselbe gilt für das Patt, eine Stellung der Figuren, in denen der Spieler am Zug sich nicht mehr bewegen kann, aber auch nicht im Schach steht. Wiederholt sich dieselbe Stellung auf dem Brett dreimal, hat jeder der Spieler das Recht, die Partie mit Remis abzubrechen. Auch in anderen Konstellationen auf dem Brett können die Regeln ein Remis erzeugen.

Außerdem ist es den beiden Spielern erlaubt, sich auf Remis zu einigen. Spiele, die beendet werden, bevor sie richtig begonnen haben, will der Weltschachverband aber vermeiden. Bei dieser WM dürfen Carlsen und Karjakin deswegen frühestens nach 30 Zügen Remis vereinbaren. Darauf lässt sich Magnus Carlsen ohnehin selten ein. "Carlsen ist keiner, der schnell ins Remis geht. Er kämpft alles aus und ist sehr beharrlich", sagt Huschenbeth. "Oft zwingt er seinen Gegner noch in der fünften oder sechsten Stunde zu einem Fehler. Und obwohl er der Weltmeister ist und klar besser als alle anderen, gehen auch bei ihm die meisten Partien remis aus. Gerade Karjakin ist ein sehr starker Verteidiger und rettet sich häufig aus schlechteren Stellungen noch ins Remis."