Wie legt Sergej Karjakin mit Weiß die vierte WM-Partie an? Er wählt wieder Spanisch, das zu den ältesten und nachhaltigsten Eröffnungen zählt. Diesmal kommt mit Carlsens Hilfe eine komplexe Rangiervariante zustande, 15 Züge ohne Abtausch, Mittelspiel auf vollem Brett. Das freut das Publikum im Fulton Market Building in Manhattan, weil doch auf jeder Galerie immer der Wunsch da ist, ein Spektakel zu erleben. Je mehr Kräfte sich anspannen und aufeinanderprallen, desto besser!

Im 18. Zug scheint der Wumms in Erfüllung zu gehen, als Karjakin seinen noch auf der Grundreihe stehenden Damenläufer abfeuert wie eine Rakete, die nach einem Flug übers ganze Brett am anderen Ende auf dem Feld h6 in die schwarze Königsstellung einschlägt. Im Nu drängt das Publikum näher an die Bildschirme. Stumpf steckt der weiße Läufer im schwarzen Grund. Er zittert noch. Wo bleibt die Explosion?

Sie bleibt aus. Carlsen kümmert sich gar nicht weiter um den Blindgänger, sondern lässt den Angriff als kindisch erscheinen, indem er mit einem mikroskopischen Damenzug von d7 nach c6 das taktische Problem in ein strategisches umdeutet. Soll der mit seinem Läufer doch einen Randbauern schlagen, ich nehme mir einen Bauern im Zentrum dafür.

Die Partie zum Nachspielen

Worum es beim Schach geht, hat Magnus Carlsen gerade vor ein paar Tagen bei CBS im Frühstücksfernsehen noch einmal erklärt: "Es geht immer um die Schlüsselfelder im Zentrum." Hat Sergej die Sendung etwa verschlafen?

Nach Carlsens Entgegnung verwandelt sich Karjakins Stellung binnen weniger Züge in einen Schrotthaufen. Berauschte er sich eben noch an seinem Angriff, übt er sich nun in Schadensbegrenzung, Wundenlecken, Lazarett und Reha. Die Computer zeigen finstere Stellungsbewertungen, die Meister glauben: Diesmal ist Karjakin dran. Den fertigt Carlsen jetzt ab.

Mit Verteidigung allein wird das nichts

Ja, Karjakin steht furchtbar. Der weiße Läufer kehrt als lahmer Veteran zurück, die weiße Kavallerie ist am Brettrand versprengt, der weiße König kann sich kaum noch bewegen. Das sieht nicht gut aus.

Aber so wie Carlsen oft erst richtig anfängt zu spielen, wenn eigentlich gar nichts mehr los ist, so dreht Karjakin auf, wenn seine Karre im Dreck steckt. Wo Gefahr ist, spürt er das Rettende auch. Er findet Wege, verlorene Stellungen zu verteidigen, die wahrlich weltmeisterlich sind. So auch jetzt, indem er eine Festung errichtet. Carlsen steht auf Gewinn, kommt diesem Gewinn aber mit keinem Zug näher. Wie bitter. Nach fast sechseinhalb Stunden gibt der Norweger seine Versuche auf und fügt sich grummelnd ins Remis.

Sergej Karjakin fühlt sich nach der Partie wie ein Sieger. © Harry Schaack

Als die beiden zur Pressekonferenz erscheinen, ist der Beifall für Karjakin groß. Das Publikum würdigt seine grandiose Zähigkeit. Gefragt, was er sich bei seinem Läuferzug gedacht habe, sagt er: "Ich dachte, der ist brillant. Und dann, nach dem Damenzug, dachte ich: 'Was hab ich da getan?'" Er illustriert sein Resümee mit einem Lächeln, wohingegen Magnus Carlsen die Stirn in Falten wirft. Er will sich mit der verpassten Chance gar nicht groß befassen, sondern gleich die nächste ergreifen. Er lässt keinen Zweifel daran: Er ist der Boss, er muss es nur noch zeigen.

Wer geht nun gestärkt aus diesen Remis-Massakern in den Runden drei und vier hervor? Carlsen, weil nur er es ist, der Angriffe inszenieren kann? Oder Karjakin, weil man sich an ihm die Zähne ausbeißt?

Wer Weltmeister werden will, muss gewinnen können. Mit Verteidigung allein wird das nichts.

Im WM-Kampf steht es 2:2. Großmeister Niclas Huschenbeth zeigt und erklärt die vierte Partie in unserem Analysevideo. Am Donnerstag beginnt die fünfte Runde.

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie die Schach-WM, die vom 11. bis 30. November in New York stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Das Schachportal chess24 analysiert jede Partie, wir binden die Videos in die Texte ein. Alles zur Schach-WM finden Sie auf unserer Themenseite.