Seit Magnus Carlsens erstem Kampf um die Schachweltmeisterschaft vor drei Jahren ist es üblich, dass der Ruhetag zwischen zwei Runden nicht mehr als Ruhetag gilt, sondern als ein Tag der Bewegung. Gerne dokumentieren Schachreporter das Aktivitätspensum der Duellanten in Wort und Bild.

Magnus Carlsen habe zwei Stunden Basketball auf einem Spielfeld in der Nähe seines Luxushotels gespielt, meldete die größte amerikanische Schachseite chess.com unter Berufung auf das norwegische Fernsehen. Sergej Karjakin dagegen sei vom Central Park durch die Hochhausschluchten zurück zu seinem Hotel im Südosten Manhattans geschlendert, in Begleitung des russischen Fernsehens. Ein Bild zeigt den Herausforderer, als er gerade den Trump Tower passierte, vor dem seit einer Woche rund um die Uhr Demonstranten und Polizisten Wache halten.

Im direkten Vergleich erscheint Carlsen als manischer Sportler, Karjakin als Flaneur und Genießer. Das trägt dem Norweger die Bewunderung vieler Zuschauer ein, dem Russen aber deren Zuneigung. Karjakin scheint weniger zwanghaft zu sein. Öfter schon sprach er auf den Pressekonferenzen von einem guten Essen, auf das er sich freue.

Zur fünften Partie am Donnerstag setzt sich nach dem Ruhetag ein Weltmeister ans Brett, der alles andere als ausgeruht wirkt. Er reibt sich die Augen, hält sich den Kopf, wirkt müde. Als Karjakin in der Eröffnung einmal ausgiebig überlegt, verschwindet Carlsen in den Aufenthaltsraum hinter der Bühne, streckt sich auf dem Sofa aus und bleibt zehn Minuten lang liegen. Es sieht aus, als ob er schläft.

Dass man das so genau sagen kann, verdankt man der Videokamera im Aufenthaltsraum. Ihre Bilder fließen in das Streaming des Veranstalters Agon. Seit dem ersten Tag der WM können die Zuschauer ihre Helden auch dann sehen, wenn sie eigentlich nicht zu sehen sind. Wie die Eisbären in der Höhle, wenn es im Zoo Nachwuchs gibt.

Die Partie zum Nachspielen

Als Carlsens Manager Espen Agdestein den schlafenden Magnus sieht, interveniert er bei Agon und verlangt den Abbruch der Übertragung. Er habe davon nichts gewusst, das sei nicht vereinbart gewesen. So jedenfalls schildern es zwei norwegische Journalisten. Tatsächlich werden die Bilder aus dem Aufenthaltsraum danach nicht mehr gezeigt.

Kann es aber sein, dass der Manager von der Übertragung, die den fünften Tag läuft, nichts weiß? Oder ist es das Bild des liegenden Magnus, das ihn einschreiten lässt? Sieht er etwas in diesem Bild, das auch andere sehen könnten?

Carlsens 41. Zug

Carlsen eröffnet die Partie mit Italienisch, einer uralten Zugfolge, die lange Zeit als harmlos galt, bis sie vor Kurzem mit neuen Ideen wiederbelebt wurde. Italienisch führt in seiner Hauptvariante zu ähnlich verschachtelten Stellungen wie Spanisch. Carlsen erreicht einen passablen Aufbau, etwas mehr Raum, etwas bessere Entwicklung, aber die Vorzüge seiner Stellung bleiben ein vages Versprechen. Er erreicht kein deutliches Plus wie noch in der dritten oder vierten Partie. Dann geschieht etwas für Carlsen Untypisches: Er macht einen dicken Fehler. Nach vier Stunden Spielzeit, im 41. Zug, rückt er seinen König auf das Feld g2 und verstellt seinem eigenen Turm den Weg zur benachbarten h-Linie.