Es ist Halbzeit bei der Schach-WM in Manhattan und natürlich ist wieder mal alles nicht so, wie es sich die Schlaumeier und Superbescheidwisser in den Onlineforen vorgestellt haben. Sie wussten schon vor der ersten Partie, dass Magnus Carlsen gewinnen würde und der Kampf gegen Sergej Karjakin ein kurzer Prozess wäre. Denn Carlsen ist Weltmeister, zudem Weltranglistenerster, führt in der persönlichen Bilanz gegen seinen Herausforderer mit 4:1 und was sonst noch alles so für ihn spricht: Magnus Superstar!

Eigentlich hätte die WM nach dieser Logik gar nicht mehr stattfinden müssen und wenn doch – dann bitte nicht mit diesem Herausforderer, der kann ja nichts, der ist ja nur Weltranglistenneunter, da hätte es doch andere, bessere gegeben und so weiter. Tja.

Und jetzt?

Jetzt grummeln die Schlaumeier und Superbescheidwisser, weil der Zweikampf alles andere als klar ist. Sechs Runden sind gespielt und der Weltmeister hat bislang nicht eine Partie für sich entscheiden können. In der dritten und vierten Runde stand er nahezu auf Gewinn, in der fünften nahezu auf Verlust, aber die Kategorie "nahezu" gibt es in Schachtabellen so wenig wie in Fußballtabellen.

Carlsen war dreimal schlecht gelaunt

Es zählt immer das Ergebnis, nie die Erwartung oder das Gefühl. Bisher waren Karjakins Ergebnisse besser als die Prognosen; seinem Selbstvertrauen hat das nicht geschadet, während Carlsen nach immerhin drei von sechs Partien maulig bis vergrätzt vor sein Publikum trat, weil er mit sich selbst so unzufrieden war.

Andererseits hat Karjakin keinen Grund zu frohlocken, denn das, was man ihm an Positivem zugetraut hatte, konnte er bisher nur zur Hälfte einlösen. Er ist ein Defensivkünstler, wie es im Spitzenschach zurzeit kaum einen zweiten gibt, das hat er in New York eindrucksvoll bewiesen. Aber es hatte vor der WM auch geheißen, er werde mit der geballten Eröffnungsexpertise russischer Meister anreisen und den theoriefaulen Carlsen in messerscharfe Varianten locken.

Das ist bisher gar nicht eingetreten. Karjakin konnte in keiner Partie Vorteil aus der Eröffnung ziehen, aus der sechsten Partie schon gar nicht, die am Freitag gespielt wurde.

Die Partie zum Nachspielen

Da beginnt er wieder Spanisch, wie in der vierten Partie, und obwohl Carlsen keinen Grund hat, die Variante zu wechseln, weicht er als Erster ab. Sehr souverän. Er opfert einen Bauern für gutes Figurenspiel, es kommt zu komplizierten taktischen Verwicklungen quer übers Brett, und wer kommt ins Grübeln? Karjakin.

Wird es ein Remisweltrekord?

Carlsen blitzt die Züge runter, ihm droht nicht die geringste Gefahr, er bekommt den Bauern zurück und tütet nach anderthalb Stunden ein müheloses Remis ein, mit Schwarz! Da hatte man sich von Karjakin wirklich mehr versprochen. Es ist bisher sogar so, dass Carlsen die bessere Vorbereitung erkennen lässt. Genützt hat sie ihm allerdings nichts.

Mit sechs Remisen in Folge begann der WM-Kampf 2012 in Moskau zwischen Weltmeister Viswanathan Anand und seinem Herausforderer Boris Gelfand. Der Rekord liegt bei sieben Unentschieden zu Beginn einer WM; das war bei Anatoli Karpow gegen Viktor Kortschnoi, 1978 in Baguio auf den Philippinen.

Sollte die siebte Partie in New York am Sonntag auch Remis ausgehen, könnten Carlsen und Karjakin am Montag in der achten Runde einen neuen Schachweltrekord aufstellen. Es wäre ihr zweiter. Der erste liegt schon darin, dass noch nie zwei so junge Spieler, 25 und 26 Jahre alt, um den Titel gespielt haben. Eine hohe Remisquote scheint keine Frage des Alters zu sein.

Im WM-Kampf steht es nun 3:3. Am Sonntag um 20 Uhr deutscher Zeit beginnt die siebte Runde. Zu spielen sind maximal zwölf Runden. Großmeister Niclas Huschenbeth zeigt und erklärt die sechste Partie in unserem Analysevideo:

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie die Schach-WM, die vom 11. bis 30. November in New York stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Das Schachportal chess24 analysiert jede Partie, wir binden die Videos in die Texte ein. Alles zur Schach-WM finden Sie auf unserer Themenseite.