Zur siebten Partie der WM im Fulton Market Building erscheint kurz vor 14 Uhr Ortszeit Magnus Carlsen. Er betritt als erster Duellant die kleine, schwarze Kammer mit dem Spieltisch und der tief hängenden Decke. Kein Ort für Menschen mit Raumangst, und jetzt sind auch noch die Fotografen da wie zu Beginn jeder Partie und säumen das Podium. Der Schachweltmeister trägt an diesem Sonntag einen eng geschnittenen Anzug; die knappen Hosenbeine rutschen ihm etwas hoch, als er sich setzt, und geben den Blick auf seine Socken frei. Sie sind taubenblau. 

Carlsen rückt seine Figuren auf dem Brett zurecht. Sie müssen einen guten Stand haben, damit sie gleich einen guten Start haben. Die Fotografen versuchen in seinem Gesicht zu lesen, doch viel ist nicht zu entziffern. Seine Augen stehen etwas eng, so erinnert er im Ausdruck manchmal an George W. Bush, den früheren amerikanischen Präsidenten, mit dem er ansonsten wenig gemein hat.

Übrigens soll es nicht stimmen, dass Carlsen ein Fan von Donald Trump ist. Er hat Trump vor laufender Kamera vor Monaten mal positiv erwähnt, zum Entsetzen seines Managers Espen Agdestein, der auch im Video zu sehen ist, aber Carlsen-Kenner unter den norwegischen Journalisten haben das Lob längst als Witz identifiziert. Nun zirkuliert es als falsche Wahrheit.

Wo bleibt Karjakin?

Der zweite Mann lässt sich Zeit, Ausdruck seines gewachsenen Selbstbewusstseins. Schließlich steht er im Nebenraum, stellt eine Einkaufstüte mit Sachen ab und – das ist nun sehr schön – eine Thermoskanne. Der Herausforderer des Schachweltmeisters bringt sich zu seiner Schachpartie etwas Warmes zu trinken mit, so wie es Tausende von deutschen Amateurspielern tun, wenn sie am Sonntag zum Mannschaftskampf ausrücken mit ihrem Kaffee und den Stullen in den Jutebeuteln. Karjakin, ein Mann des Volkes!

Er setzt sich ebenfalls und rückt nun seinerseits seine Figuren zurecht. Sie sollen ja nicht schlechter stehen als die von Carlsen. Der hat unterdessen auf dem Feld vor seinem Damenbauern noch einen Fussel entdeckt und wischt ihn weg, nein, es ist kein Fussel, Carlsen reibt geradezu auf dem Feld herum, es muss sich um eine minimale, aber hartnäckige Verschmutzung handeln, vielleicht noch eine Spur der dritten Partie, als sich Karjakins Figuren von diesem Feld partout nicht lösen konnten.

Der Promi will Karjakin ermuntern

Nun betritt wie jeden Tag ein Prominenter den Raum, um den ersten Zug auszuführen. Heute ist es Gbenga Akinnagbe, ein amerikanischer Schauspieler, der in The Wire und 24 mitgespielt hat und den beiden Schachspielern möglicherweise so unbekannt ist wie weiten Teilen des Publikums. Prominenz ist ja heute mehr und mehr relativ.

Sergej Karjakin, der Weiß hat, bedeutet Gbenga Akinnagbe, den Damenbauern ziehen zu wollen, und Gbenga Akinnagbe fragt nach, ob es ihm ernst ist, denn bislang hat er ja immer mit dem Königsbauern eröffnet. Karjakin nickt, und sein Erster-Zug-Ausführgehilfe schiebt den Damenbauern zwei Felder vor. Er schiebt ihn sogar fast zweieinhalb Felder vor, er berührt schon die Grenze zum Feld d5 – als wollte der Schauspieler dem Wunsch Ausdruck verleihen, Karjakin möge nun doch einmal nach vorne spielen.

Die Partie zum Nachspielen